Partida Creus „Garrut“, 2012

Partida Creus „Garrut“, 2012

Garrut

Achtung, vins naturel! Ich möchte diesen Trend hier gar nicht hochschreiben. Ich begleite ihn mit Aufgeschlossenheit, Sympathie und Neugier und freue mich, dass es Winzer gibt, die ihn prägen. Wieder einmal deutlich wurde mir das auf dem Weinsalon Natürel Mitte März in Köln, der alljährlich von dem Kölner Naturwein-Händler La Vincaillerie veranstaltet wird. Dieses Event auf einem, ganz passenden, nicht gerade uncoolen verfallenen Gewerbehof in Köln-Ehrenfeld bot die ideale Gelegenheit, um in diese wirklich alternative Weinszene einzutauchen und sich darauf einzulassen. Für meinen Gaumen war es wieder mal eine Art Versuchslabor, die Weine schmecken tatsächlich anders, auch hatte ich noch nie so viele ungeschwefelte Weine auf einmal verkostet. Einige Weine lagen jenseits meines Horizonts, andere hingegen waren für mich eine Entdeckung. So vor allem traditionell maischevergorene Weiße aus Venetien (Franco Terpin) und Slowenien (Klinec), aber auch ein Cabernet Franc von der Loire (»Érèbe« von der Domaine des maisons brûlées). Wieder einmal sehr anregend waren die Weine von Pierre Frick, wenn sie auch, im Vergleich zu anderen Winzern auf dem Event, fast wie geschliffen – und damit zugegeben wohltuend – wirkten.

Salon Natürel

Der Stil dieser ganz konsequenten vins naturel ist sehr eigen. Mal ganz unabhängig davon, was die Winzer erreichen wollen, mein rein sensorischer Eindruck ist immer wieder, dass es hier kompromisslos um die Frucht geht. Ablenkende sekundäre Aromen finden sich kaum, es sei denn die Weine sind länger maischevergoren. Erstaunlich sind in den gelungensten Fällen die Duftigkeit, der Facettenreichtum, die Tiefe und manchmal auch die Mineralität in der Frucht. Parfümiert oder lätschig war kaum einer der verkosteten Weine, das Bukett ist interessant und wandlungsfähig, dreht sich aber immer allein um die Frucht. Das vermittelt auch geschmacklich eine besonders geartete Reinheit, die mir ziemlich gut gefällt. Ebenso beachtlich ist die Frische, die viele Weine haben. Die Säure ist häufig deutlicher und schonungsloser als man es sonst kennt. Über sie kommt aber Power in die Weine, sowohl bei den roten, was ja immer noch ungewöhnlich ist, als auch bei den weißen, und das bei oft eher nicht so üppigem Körper. Viele Weine musste ich mir erschließen. Zuerst wurde man, begleitet von duftigen Fruchtaromen, im Sog der Säure quasi in die Weine hineingezogen, bis hinunter auf die Säureader oder auf die traubig schmeckende Gerbstoffigkeit, irgendwie auf das Skelett des Weins. Von dort schmeckte man sich dann wieder bis in die äußeren Schichten hervor.

Auch diesen Monastrell aus Katalonien – Garrut ist ein katalonischer Name für die Rebsorte – habe ich zum ersten Mal auf dem Event verkostet. Die blitzsaubere Frucht und die Frische, wie man sie auf keinen Fall von dieser Rebsorte kennt, beeindruckten mich derart, dass ich nicht umher kam, davon eine zweite und dritte Flasche an dem Tag noch durch halb Köln in die Fußballkneipe und dann mit der S-Bahn bis nach Bonn zu schleppen.

Dichtes dunkles Rubinrot, dunkelroter Kern, violette Reflexe. In der Nase zuerst rohes Fleisch, roter Tee, Kräuter, etwas Schweiß bzw. eine Sauvage-Note, dahinter entfaltet sich dann eine wunderschöne würzige, florale Duftigkeit, dazu Oliven und Milchschokolade. Im Mund ein dichtes Extrakt, der Wein rollt dick und konzentriert über die Zunge. Er hat eine schöne trockene rote, auch blaue, ganz saubere Frucht, hier ist nichts eingekocht oder überreif. Die Frucht wird flankiert von mineralischen Noten, Eisen, Fleisch, Blut, und man stößt schnell auf die frische, deutliche Säure. Hier ist nichts trocknend, das Tannin hält einfach nur alles in Bahnen und sorgt für eine leichte Mokkanote, die der sehnigen, ernst wirkenden Frucht sehr gut steht. Hat man sich erstmal durch das Extrakt geschmeckt, nimmt man die schöne Wässerigkeit des Weins wahr. Der Abgang ist mittellang und bleibt auf der rotfruchtigen, herben, auch salzigen Eisen-Note stehen. Der Wein hat mit Sicherheit kein neues Holz gesehen, die Tannine sind traubig. Auch hat er nur wenig Schwefel abbekommen, Naturwein eben. Die Struktur von der langen Maischevergärung steht ihm gut.

Ganz erstaunlich, wie viel Tiefe und Spiel in diesem Wein steckt und welche Spannung in ihm liegt. Die 14% Alkohol steckt er weg, obwohl er durchgegoren und völlig trocken ist. Das schafft allein die Frucht. Beeindruckend ist die kompromisslose Fleischigkeit und Blutigkeit dieses Weins. Der Wein ist sehr sehnig, er hat eher wenig Körper, und das trotz des Alkohols. Manch einem böte das vielleicht zu wenig Charme, zu wenig zum Reinlegen, die Sprödigkeit ist auch nicht gerade elegant zu nennen, mir aber gefällt dieser extreme Stil ziemlich gut.

Von der Weinmesse, 18 Euro, 88 Punkte (sehr gut), jetzt oder in ein, zwei Jahren trinken