Zwei Riesling-Kabinette von Julian Haart

Zwei Riesling-Kabinette von Julian Haart

Es ist etwas im Gange beim Riesling Kabinett. Lange war er ganz schwer nicht im Trend. Leichter Körper, oft viel Restsüße, vorurteilshaft als lieblich und altmodisch abgetan. Dem Prädikat wurde damit Unrecht angetan, denn beschwingte, tänzelnde Kabinette gab es zu jeder Zeit, zumindest von den guten Winzern. Und auch Weine, die mit Mineralität und Würze ihre Herkunft durchschmecken ließen, es sei denn, sie waren einfach nur stark geschwefelt.

Seit drei, vier Jahren ist aber etwas in Bewegung geraten. Einige Winzer haben das Prädikat wiederentdeckt und bringen eine neue Festigkeit und Ernsthaftigkeit in die Kabinette. Und zudem eine ganz deutlich gepufferte Süße. Klassiker wie Egon Müller und Manfred Prüm haben das natürlich immer schon so gemacht, neuere Pioniere sind dabei ganz sicher Tim Fröhlich mit seinem Felseneck, bei dem einem die Mineralität um die Ohren fliegt, und Klaus Peter Keller mit seinem höchst raffinierten Hipping, der leider nur noch in die Versteigerung geht.

An der Mittelmosel, dem klassischsten aller Kabinett-Gebiete, steht ausgerechnet ein junger Winzer für diesen neuen Kabinett. Ob er auf den neuen Stil abzielte, weiß ich nicht, und ich bezweifle es. Vielmehr wirkt es, als möchte er mit seinen Weinen eine sensorische Vorstellung umsetzen. Trinkt man Julian Haarts Weine, kommt nicht umher, an die Analogie des Sternekochs zu denken, als der er mal gearbeitet hat. Denn die Weine haben eine herausragend raffinierte Balance und bieten obendrein meist irgendetwas Besonderes. Beim Essen würde man sagen, sie seien höchst gekonnt gewürzt oder abgeschmeckt. Bein Wein sind diese Attribute irreführend, auch wenn sich Julian Haart gezielt auf jeden seiner Weine einstellt.

Kürzlich machten wir uns daran, die Kabinette von Julian Haart weiter zu ergründen. Dabei tranken wir den Wintricher Ohligsberg gegen den Piesporter Schubertslay, aus zwei verschiedenen Jahrgängen. Es sollte kein direkter Vergleich der Lagen und der Jahrgänge sein, sondern im besten Falle einfach nur zeigen, wie Julian Haart mit unterschiedlichem Klima und Boden umgeht.

Julian Haart Kabinett Ohligsberg, 2014

Für die Winzer an der Mosel, die früh genug zur Lese antraten, war 2014 ein sehr gutes Jahr mit viel Extrakt, im Vergleich zu anderen Jahren halbwegs dezenter Süße und ausgewogener Säure. Die hervorragende physiologische Reife zeigt auch der Julian Haart Kabinett Ohligsberg. Obendrein bringt er die Vorzüge der Lage zum Ausdruck, die mit ihrer Westausrichtung im Gegensatz zum weltberühmten Goldtröpfchen nicht ganz so prall in der Sonne liegt. Die Weine haben immer etwas weniger Süße, die Struktur ist fester, der Fokus sitzt auf der Mineralität. Das sind nahezu perfekte Voraussetzungen für einen dieser modernen Kabinette. So zumindest die Theorie.

In der Nase zuerst noch eine Spontinote, Reibfläche vom Zündholz, an Frucht frisch, präzise, Noten von Grapefruit, Zesten, junge Ananas. Das Bukett formt keinen Strauß, es ist mehr ein Strahl, präzise, intensiv, auf den Punkt gerichtet. Der Duft ist komplex und tief mineralisch. Im Antrunk zuerst Aromen weißer Früchte, ein festes mineralisches Korsett, dann eine dezente, aber lange Aromatik mit süßen Orangen und Pink Grapefruit. Die Säure ist tief integriert und baut sich im Mund auf, sie vibriert am Gaumen. Der Wein wird im hinteren Verlauf dann doch noch saftig und wirkt beschwingt mit dem zarten Summen der Säure. Säure und Mineralität haben die Süße fest im Griff und schmelzen jegliche Opulenz weg, das Spiel ergibt sich mehr aus den leicht herben Fruchtaromen und der Säure. Der Wein ist schlank, kompakt, hinten wird er sogar noch salzig. Das hat Komplexität und ist ungemein trinkig. Vor allem aber ist es elegant. Trotz allem, zu jung ist der Wein noch allemal. Interessant dürfte es werden, wenn sich die Festigkeit des Weins etwas legt. So ist er jetzt ein Erlebnis, ganz sicher aber ist er zum Weglegen gedacht. (92+ Punkte)

Julian Haart Kabinett Schubertslay, 2013

Der Schubertslay ist so eine Art Gegenentwurf zum Ohligsberg. Er setzt sich zusammen aus besonders hochwertigen Parzellen am westlichen Ende des Piesporter Goldtröpfchens. Der Boden besteht aus Schiefer mit hohem Feinerdeanteil, ein guter Wasserspeicher, besonders steil, direkt nach Süden exponiert. Die Weine haben, eigentlich typisch für das ganze Goldtröpfchen, häufig etwas Fülle und zeigen einen ganz klassischen Moselstil. Idealtypisch dafür stehen etwa die berühmten Süßweine von Julians Onkel, Theo vom Weingut Reinhold Haart, von dem sich Julian für diesen Wein zuzüglich zu seinen eigenen Parzellen noch einige Rebzeilen ausgeborgt hat. 2013 war an der Mosel ein Fäulnis-Jahr, und gerade das warme Goldtröpfchen dürfte kein einfacher Weinberg gewesen sein. Doch Julian Haart scheint eine sorgfältige Auslese gelungen zu sein. Der Kabinett ist sehr sauber, nicht mal Botrytisnoten sind dem Wein anzuschmecken.

In der Nase wieder Spontinoten, die sich aber schneller legen. Sogleich viel intensivere, opulentere Fruchtaromen, viel Zitrus und weiße Steinfrucht, der Wein fächert sich schon in der Nase richtig auf. Dazu kommen mineralische Noten, vor allem Schieferwürze steigt aus dem Glas empor. Im Antrunk dann zuerst jede Menge Extrakt, eine schiere Ladung an Frucht, auch wirkt die Frucht reifer als beim Ohligsberg. Schnell fällt auf, wieviel mehr Süße der Wein hat, aber auch mehr Säure. Ebenso ist der Wein körperreicher, viskoser. Gut gefällt der mineralisch-rauchige Ausdruck. An Aromen exotische Früchte und viel Zitronenschale. Der Wein ist geöffneter. Dass er trotzdem noch viel zu jung ist, merkt man an dem unbändigen Säurezug, der zwar für eine gute Extraktabfuhr sorgt und den Mund wässerig hinterlässt, aber sensorisch auf Dauer etwas anstrengend wirkt. Zugleich ist die Süße noch etwas herausstehend und sättigend. Der Abgang ist lang und hinterlässt einen Film am Gaumen. Dieser Wein ist ausgezeichnet, sehr präzise, aber noch überdeutlich definiert. Dabei ist er aber enorm intensiv, aber noch nicht fertig. Da sollte noch vieles abschmelzen. Unbedingt liegen lassen. (91+ Punkte)

Was bleibt am Ende?

Zum Ende hatten wir nicht mehr viel Wein in den Flaschen. Denn die Verkostung erfüllte die hohen Erwartungen. Und zeigte doch zwei verschiedene Weine. Der Ohligsberg hat dabei unserer Meinung nach leicht bessere Ansätze, er hat ein konsequentes Profil, einen engen Fokus und eine höchst niveauvolle Stimmigkeit. Im Vergleich zum Schubertslay ist er leiser, feiner definiert, transparenter, die Säure ist mehr kristallin als rassig. Der Schubertslay ist lauter, dabei aber gut abgestimmt. Insgesamt wirkt er ambitionierter mit seinen Anlagen der klassischen Moselfrucht und der Süße, die zur Zeit noch nicht vollständig verpackt werden kann. Und dann kommt er mit der ungeheuer straffen Säure und viel mineralischem Zug, die dem Wein trotz seiner Viskosität eine Trinkigkeit verleihen. Wir sind gespannt, wohin sich der Wein entwickeln wird. Schafft er es, die Balance zu halten? Wird er in drei bis fünf Jahren modern wirken oder wie ein sehr niveauvoller Mosel-Klassiker. Wir sind gespannt und werden weiter verkosten.


  Wer mehr lesen mag: Ein schöner ausführlicher Verkostungsartikel (in englischer Sprache) von John Gilman über die aktuelle Kollektion von Julian Haart findet sich hier.

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