Zwei Silvaner von Rudolf May

Zwei Silvaner von Rudolf May

Schaut man nach Franken, kommt man am Weingut Rudolf May nicht vorbei. Da sind die auffällig modernen Etiketten, mit denen einem die Weine immer häufiger auf den Empfehlungslisten begegnen. Und die Weine erzielen Jahr für Jahr einen immer größeren Ruf. Dabei gibt es das Weingut von Rudolf May noch gar nicht mal lang. Es ist kein Betrieb, der über Generationen gewachsen ist, zu Werke geht hier immer noch Generation Nummer eins. Erst 1999 errichtete es der gelernte Winzer und Weinbautechniker in Retzstadt, nördlich von Würzburg in einem Nebental des Mains. Schon mit seinen ersten Jahrgängen machte Rudolf May Furore, heute zählt er zur neuen Spitze in Franken. Seit 2014 ist er Mitglied im VDP und produziert seitdem herausragende Große Gewächse. Erst kürzlich räumten die Rieslinge und Silvaner Jahrgang 2015 aus dem Himmelspfad im Retzstädter Langenberg und dem Rothlauf im Thüngersheimer Johannisberg bei den GG-Premieren eindrucksvoll ab. Und waren dann binnen kürzester Zeit ausverkauft.

Rudolf May steht für moderne, extraktreiche, klar profilierte Silvaner und Rieslinge, die aber trotzdem voll in fränkisch trockener Tradition stehen. In seinem Sortiment sorgt er für Vielfalt, was ihm vor allem durch die Selektion von Trauben aus besonderen Parzellen, schonende Behandlung im Keller und unterschiedliche Ausbauarten in Stahl, Stückfässern und sogar Betoneinern gelingt. Den Unterschied wollte ich mir heute mal vor Augen führen. Im Glas hatte ich zwei Silvaner – beide Jahrgang 2014 – aus dem Retzstädter Langenberg, eine Erste Lage, die den Ort fast komplett umgibt und vom Muschelkalk geprägt ist. Der Ortswein kommt aus verschiedenen Parzellen dieser sprichwörtlichen Ortslage. Die Herkunft des Schäfers, der Lagenwein, lässt sich ganz genau einkreisen. Er stammt aus dem gleichnamigen Gewann nördlich des Orts von rund 50 Jahre alten Reben. Die Flaschenwahl spricht eine klare Sprache. Der Ortswein kommt im Bocksbeutel, der Lagenwein in der Burgunderflasche.

Zuerst der Ortswein. Ihn ließ Rudolf May gut zehn Stunden auf der Maische stehen und baute ihn dann ganz klassisch im Stahl aus. In der Nase ist er blitzsauber, dezent grüne und weiße Früchte, etwas frisch geschnittene Petersilie, weiniges Bukett. In der Nase scheint der Wein alles andere als ein Fruchtpleaser, denkst Du, und dann fällst Du beim Antrunk in ein generöses Früchtebett. Es grüßt eine volle Silvanerfrucht. Da ist der grüne Apfel, auch etwas weißer Pfirsich, und die leichte Sellerienote und frische Haselnuss. Bei allem schwebt eine schöne Mineralität im Mund, am Gaumen hat der Wein leichte Pikanz und Salzigkeit. Die Säure ist im Antrunk nicht sehr präsent, sondern tiefer integriert. Letztlich hat der Wein eine durchaus feste Struktur und gute Frische. Richtig gut gefällt mir der Verlauf, in dem viel passiert, Frucht, Extraktsüße, Mineralität, Frische, Salzigkeit. Ein hervorragend gelungener, aromatischer Ortswein mit leichtem bis mittleren Körper, sehr gut passend zu Antipasti, Pesto, Gemüse oder weißem Fleisch, der Wein kann durchaus etwas ab. Auch solo macht er halt richtig Spaß! (88 Punkte)

Nun geht’s an den Schäfer. Er lag noch deutlich länger auf der Maische als der Ortswein, danach landete er im neuen Stückfass. Und hier geschieht nun wahrlich völlig anderes. In der Nase neben grünem Apfel und weißer Frucht eine sehr ausgeprägte mineralisch-schmelzige Note, etwas Rauch, weißer Pfeffer, dezente Deftigkeit, extraktreich, würzig und verführerisch. Der Antrunk ist hervorragend, eine wenn auch dezente, aber anhaltende trockene grüne Apfelfrucht, gepaart mit der Würze von Sellerie, alles ist getragen von einer deutlichen Mineralität und Salzigkeit. Gut, das alles hatte der Ortswein auch, hier aber kommt alles ungleich mehr zum Einsatz. Der Wein ist deutlich vegetabiler, auch tabakig. Am Gaumen bleibt eine salzige, extraktreiche, leicht herb wirkende Schicht zurück. Wie bei dem Ortswein steht die Cremigkeit im Vordergrund, die integrierte Säure sorgt aber für gute Frische. Der Wein hat offenbar mehr Kontakt mit der Maische gehabt. Er ist sehr strukturiert, hat eine tolle Dichte, hat durch die Phenole sogar etwas Schärfe und auch viel mehr Power im Glas. Und durch all das dringt eine leichte Holznote durch. Ein Power-Paket, balanciert, ambitioniert, mit großer Länge auf der vegetabilen Note und Salz, ganz viel Salz sogar. Aber ich würde den Wein jetzt noch liegen lassen. In zwei, drei Jahren öffnet er sich vielleicht noch mehr. (91 Punkte)

2 thoughts on “Zwei Silvaner von Rudolf May

  1. Hallo Thorsten,
    letzten Samstag habe ich im „Bonner Weinzirkel“ eine Probe „Hochwertige moderne Silvaner“ aus Deutschland präsentiert. Du warst ja auch dabei. Und das Himmelspfad-GG von May.

    Deswegen stelle ich hier mal die Flights und das Kurzresümee als Kommentar ein. Wir verkosteten:

    Flight 1: Leichtigkeit, Salz und Finesse

    2013 Sylvaner Steinterrassen Muschelkalk, Qualitätswein, trocken
    Weinhaus Stefan Vetter, Gambach, Franken
    Ø: 15,25, Platz 11

    2014 Röttinger Feuerstein, Silvaner Qualitätswein trocken
    Ökologischer Weinbau Stefan Krämer, Auernhofen, Franken
    Ø: 15,75, Platz 9

    2014 Tauberzeller Hasennestle, Silvaner Qualitätswein, trocken
    Ökologischer Weinbau Stefan Krämer, Auernhofen, Franken
    Ø: 16,5, Platz 7

    Hier hatte Stefan Krämers 2013er Hasennestle mit einer Durchschnittswertung von 16,5/20 Punkten die Nase vorne. Man schmeckt in der Dichte, wie lange die Reben schon ökologische Pflege genießen dürfen. Da kommt sein Röttinger Feuerstein sicher auch noch hin. Den Winzer sollte man im Auge behalten und das PLV ist tadellos. Schlusslicht war hier Vetters „Muschelkalk“ mit 15,25/20. An dem Wein störte viele am Tisch einfach die etwas zu oxidative Note und die flüchtige Säure. Kann man aber dran arbeiten.

    Flight 2: Freakstoff

    2013 QuerKopf, Silvaner, Rheinischer Landwein, trocken
    Weingut Kai Schätzel, Nierstein, Rheinhessen
    Ø: 14,65, Platz 12

    Challenge! 2014 Amphora K, Qualitätswein, trocken
    Bayrische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, Veitshöchheim, Franken
    Ø: 16 , Platz 8

    2014 Appenheimer Eselspfad, Sylvaner Qualitätswein, trocken
    Weingut Jens Bettenheimer, Bingen, Rheinhessen
    Ø: 16,65, Platz 6

    Nun standen Weine auf dem Tisch, bei denen die Maische teilweise extreme Standzeiten abbekommen hatte. Aufgrund seiner Komplexität, Dichte, Würze und Länge mit dezenten Noten vom Ausbau in 25% neuem Holz hatte Jens Bettenheimers „Appenheimer Eselspfad“ am Ende die Nase vorn mit ausgezeichneten 16,65/20. Für 13,90 € ein wirkliches „Schnäppchen“.
    Respekt zollte uns aber auch das Studentenprojekt aus der LWG Veitshöchheim ab: „Challenge 2014, Amphora K“. Glasklar, saubere Birnenfrucht, Spiel, Dichte, Druck und gute Länge nach 9 Monaten Maischegärung und –standzeit in der Amphore? Wohl auf dem Land, das solche Weinbaustudenten hat! 16/20 – Chapeau!
    Die rote Laterne in diesem flight und in der gesamten Probe trug mit 14,65/20 leider Kai Schätzels „QuerKopf“ aus dem Jahrgang 2013. Hochambitioniert in der Weinbereitung und beeindruckend dicht, druckvoll und lang bei minimalem Alkohol, störten einfach die zu intensive flüchtige Säure und der massive Böckser. Vielleicht lag es auch am Jahrgang? Aber bei einem Preis von 32.00 € ab Hof ist der Wein keine Kaufempfehlung. Ohne die Fehltöne jedoch wär’s ein Hammerwein und eine Stilikone.

    Flight 3: Weine von einigen der ältesten Silvaner-Reben Deutschlands

    2014 „Uralte Reben“, Silvaner Kabinett, trocken
    Weingut Werner Emmerich, Iphofen, Franken
    Ø: 15,6, Platz 10

    2014 „75“ Niersteiner Silvaner, Alte Reben, Qualitätswein, trocken
    Weingut Eckehart Gröhl, Weinolsheim, Rheinhessen
    Ø: 16,65, Platz 6

    2014 „Creutz“ Sylvaner***, Qualitätswein, trocken
    Weingut Zehnthof-Luckert, Sulzfeld, Franken
    Ø: 17,05, Platz 4

    Als nächstes begegneten wir Weinen von den ältesten, wurzelechten Silvanerreben Deutschlands und vermutlich der Welt. Sieger war hier der „Creutz***“ von Zehnthof-Luckert mit 17,05/20. Hochreif, blitzsaubere Fruchtnoten, cremig, elegantes Spiel und ein langer salziger Abgang mit Tabaknoten im Nachhall. Ein Teilnehmer assoziierte, der Wein dufte wie elegante Pariser Damen auf Modeboulevards. Für 55,00 € erwartet man das aber auch! Sehr ehrenvoll geschlagen hat sich der „75“ von Eckehart Gröhl mit 16,65/20. Kühle Mineralität, Limettennoten durchwirkt von etwas Kokos, schöne Extraktsüße und eine elegante, vom hohen Extrakt gepufferte Säure ergeben einen noch viel zu jungen aber sehr animierenden, angenehm leichten Wein. Einzig der hohe Restzucker stand einer höheren Wertung im Weg. Hier wünschen wir E. Gröhl den Mut zur Konsequenz: RZ < 2 g und der Wein ist Weltklasse! (Dass das auch bei leichtem Alkohol zu schaffen ist, zeigt ja tendenziell Kai Schätzel.)
    Den 3. Platz nehmen die „Uralten Reben“ von Werner Emmerich ein. Bei einem Preis von 12.00 € für 15,6/20 gibt es über diese Rarität nix zu meckern. Ein absolut harmonischer, eher stiller, in sich ruhender Wein, der mit seiner sauberen Apfelfrucht, dezenter Mineralität, mittlerem Körper und Abgang im allerbesten Sinne ein „crowd pleaser“ ist.

    Flight 4: Vom Boden geprägte Mineralität

    2014 Asphodill, Homburger Kallmuth, Silvaner Grosses Gewächs
    Weingut Fürst von Löwenstein, Kleinheubach, Franken
    Ø: 17,05, Platz 4

    2014 Retzstadter Langenberg “Himmelspfad”, Silvaner Grosses Gewächs
    Weingut Rudolf May, Retzstadt, Franken
    Ø: 17,15, Platz 3

    2014 Julius-Echter-Berg, Silvaner Grosses Gewächs
    Weingut Hans Wirsching, Iphofen, Franken
    Ø: 16,7, Platz 5

    In diesem Flight murrten alle Weine erwartungsgemäß: „Wieso macht ihr mich schon auf?“ „Weil wir sooo neugierig sind.“ Klar, es ist eine Exkommunizierungsfähige Sünde, Silvaner-GGs aus dem Jahrgang 2014 im Herbst 2016 zu öffnen. Einreiseverbot nach Franken folgt auf dem Fuß.
    Der „Asphodill“ ließ gleich erahnen, wo er in 10 Jahren stehen wird – ganz oben. Rauch, Trockenblumen, Auberginennoten, kühle Eleganz und Salz am Gaumen sowie große Länge bezeugten „Ich komme vom Buntsandstein“. Gibt es noch einen Silvaner mit dieser klaren Sandstein-Terroirnote? Vielleicht von Stich. 17,05/20 Toll! Fette Pluszeichen dazudenken.
    Opulente Tropenfrucht, kühle Mineralität, opulenter, cremiger Extrakt, ein sehr lebendiges Spiel von Extraktsüße und hochreifer Säure und eine tolle Länge mit salzigem Finale sicherten Mays „Himmelspfad“ lässig 17,15/20 Punkten und damit knapp den ersten Platz im Flight und Platz drei der gesamten Probe.
    Herbe Kräuter, tiefe Würze, kraftvolles Extaktsüße-Säure-Spiel und monumentale, salzige Mineralität präsentierte der „Julius-Echter-Berg“ von Wirsching. Noch völlig unentwickelt. Keine Aussage über die hochklassische Qualität machen deshalb die „nur“ 16,7/20 Punkte. Das ist eine hedonistische Momentaufnahme hinter die man gedanklich drei fette Pluszeichen setzen muss. Der Wein ist einfach viel zu jung und wird bei 18-18,5/20 landen. Absolute Kaufempfehlung.

    Flight 5: Auf dem Holzweg? Silvaner von Unbekannten

    2012 Sur Sel, Sylvaner Qualitätswein, trocken
    Weingut Michael Teschke, Gau-Algesheim, Rheinhessen
    Ø: 17,55, Platz 1

    2013 ''Grenzstein'', Stettener Stein, Silvaner Spätlese, trocken
    Weingut Höfling, Eußenheim, Franken
    Ø: 17,05, Platz 4

    2014 Grüner Silvaner*** Réserve, Qualitätswein, trocken
    Weingut Stern, Hochstadt, Pfalz
    Ø: 17,25 Platz 2

    Dass Silvaner aus neuem Holz nicht schwer auf dem Holzweg ist und die (noch!) relative Unbekanntheit von Winzernamen keinen Schluss auf die Güte ihrer Weine zulässt, zeigte der letzte Flight auf eindrucksvolle Weise.
    Rang vier der Gesamtprobe machte hier der „Grenzstein“ von Klaus Höfling aus Eußenheim. Noch nie gehört? Dann aber jetzt hinhören: Feiner Duft nach Zitronenbiskuit, kühle Mineralik, trinkanimierender Zug und toller Druck am Gaumen ohne dabei auf Restzucker oder Alkohol zu setzen. Das kommt einzig aus dem wunderbaren, salzigen Extrakt und hat definitiv GG-Niveau. Die 16.80 € für diesen eleganten, harmonischen und sehr langen Silvaner aus neuem Holz mit 17,05/20 Punkten sind ein Spottpreis. Danke, Herr Höfling!
    In der gleichen Liga spielt Dominik Sterns „Grüner Silvaner*** Réserve“ und demonstriert, dass im Weinbau nicht immer das gleiche Gesetz gilt wie unter Immobilienhaien: Lage! Lage! Lage! Hier ist einfach ein Könner am Werk, der noch Großes zeigen wird. Der Wein ist saftig wie Mays Himmelspfad, hat ähnliches Spiel, Druck und Mineralität, zeigt sich im Duft aber vegetabiler mit ätherischen Kräuternoten und Holunder. Die Länge lässt nichts missen und 17,25/20 bedeuten aus dem Stand Platz zwei der gesamten Probe vor drei GGs. Und das für freundliche 16.50 €. Ach so: Wer nun bei Stern bestellen will, sollte den 2015 Sauvignon blanc Fumé und den Chardonnay Barrique gleich mitbestellen. Iss wie Ribery, Reus und Robben – erstklassig.
    Last but not least: Warum zum Teufel kennen so wenige Weinfreunde die Gewächse von Michael Teschke? Liegt es an den schrägen Namen? Dabei ist der beim „Sur Sel“ Programm. Wenn man den Schrauber knackt, grollt auch dieser Wein „Lass mich noch 10 Jahre in Ruhe!“ Später gönnt er einem trotzdem Noten von Gemüse, Sellerie, Lorbeerblatt, Kräutern. Den Mund wässernd wie der Duft einer courte boullion. Im Mund gibt er sich knochentrocken, fast karg, mit hocheleganter, straffer Säure. Dann streckt er einem seinen durchtrainierten, sehnig-eleganten Körper entgegen, der kein Gramm Fett zu viel oder zu wenig besitzt. Herbe Quitte. Und schließlich durchzieht salzige Mineralität diesen Wein, wie an der Küste die Meeresluft alles durchdringt. Großartige Länge. Das alles ist überhaupt nicht anstrengend sondern frisch, in phantastischer Balance und nur herrlich! In fünf Jahren groß! Mist, wo sind bloß die Austern?
    Platz eins der gesamten Probe mit 17,55/20. Preis: 17.50 € im Fachhandel.

    Alle Weine wurden vor der Probe ausreichend dekantiert und in Karaffen serviert. Verkostet wurde mit sehr viel Zeit und Ruhe, aufgedeckt wurde nach jedem flight. Die TN hatten keinerlei Vorinformation, was auf den Tisch kommt, außer dass es um Silvaner aus Deutschland ohne Piraten geht.

    Zwei Wochen zuvor hatte ich die Flights 2-5 auch bei einer Probe in der Brühler Weinhandlung "Ambrosia" vorgestellt.

    Die Resonanz war auch da sehr positiv. Mehrere Weine boten aus Sicht der Teilnehmer wirklich "großes Kino". Es gelang beide Male, die vorhandene Vorstellung von Silvanern deutlich zu erweitern.

    Schönen Gruß

    Thomas

  2. Ich kann nur bestätigen, daß Rudolf May derzeit eine der ansprechendsten Kollektionen in Franken überhaupt zu bieten hat. Beeindruckend vor allem, daß es von ganz unten nach ganz oben keine einzige mir bekannte Schwäche gibt und daß z.B. die Guts- und Ortsweine bereits jeweils klar über ihre eigentliche Ebene hinausschauen…

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