Riesling ohne Grenzen – der Kraftakt Riesling IX

Riesling ohne Grenzen – der Kraftakt Riesling IX

Der Kraftakt Riesling ist eine Institution und einer unserer wichtigsten Termine. Jahr für Jahr trinken wir in nahezu gleicher Besetzung gereifte Große Gewächse, Smaragde und Grand Crus aus Deutschland, Österreich und Frankreich. Und wir verteilen blind trinkend unsere Punkte und küren jedesmal einen Gewinner.

Die immerhin schon neunte Ausgabe fand bereits im August 2016 statt. Und auch wenn wir damit keinen Preis für Aktualität gewinnen, gehört das Protokoll auf diesen Blog – genauso wie bereits die Berichte zu den acht Kraftakten davor.

Phillip Kuhn Riesling trocken Kirschgarten Großes Gewächs 2009

Den Auftakt machte diesmal der Kirschgarten von Phillip Kuhn, Jahrgang 2009. Mit drückender Nase schiebt sich der Wein aus dem Glas, süßliche Blüten gepaart mit Zitrusfrucht. Das wirkt hochreif und einen Hauch zu malzig. Viskos setzt sich der Wein auch im Mund fort, zum Glück wird die reife gelbe Frucht durch eine prägnante Säure gepuffert. Rauchige Aromen, die an eine dunkle mineralische Komponente andocken, machen den Wein durchaus interessant. Der ganze Verlauf ist wuchtig und wird, wenn man nicht genau diese Stilistik sucht, den Trinkenden eher schnell als langsam ermüden – nicht zuletzt auch deswegen, weil im Nachhall der Alkohol etwas wärmend vorsteht. Im Finale räumt die Säure den Rachen aber wieder frei. Dieser kraftvolle Wein dankt einer Essensbegleitung. 90-92 Punkte aus der Runde, 90 Punkte auch von mir.

Battenfeld-Spanier Riesling trocken »CO« 2006

Der Probenleiter hatte mit dem nächsten Wein ein nicht minder forderndes Getränk auf die Agenda gesetzt – den »Hochzeitswein« aus dem Hause von Carolin Kühling-Gillot und Oliver Battenfeld-Spanier, der Riesling »CO«. Wer hier regelmäßig mitliest, der weiß, dass fordernde Weine in unserer Runde durchaus Anklang finden. So auch dieser. Ein etwas leiserer Auftakt in der Nase mit getrockneter Aprikose, Jod, auch vernehmen wir malzig-herbe Aromen. Malzig-jodig ist auch der erste Eindruck im Mund. Ein dicht gepackter, ja schon mächtiger Antrunk, im Verlauf rauchig, malzig und immer wieder deutlich von Botrytis geprägt, die einen kräuterigen, aber auch herb-diffusen Charakter ergibt. Dazu reifer Apfel und etwas Pflaume. Klingt aromatisch eher schräg – und doch passt die wuchtige Summe dieser Eindrücke gut zueinander. Der Wein ruht tief in sich und hat viel individuellen Charakter – wenn man sich die Mühe macht, ihm zuzuhören. Sehr langes, harmonisch druckvolles Finish mit sehr gut eingebundenem Alkohol. 93-95 Punkte von der Runde, 92 Punkte von mir als Streichergebnis. Der Wein sollte der zweitbeste an dem Abend werden.

Von Winning Riesling trocken Forster Ungeheuer »U500« 2011

Wie wär’s mal mit einem Easy-Drinking-Wein? Vergesst es. Von Winnings Forster Ungeheuer »U500« überraschte die nicht eingeweihten Mittrinkenden, die wie immer blind probierten, zunächst mit nussig-holzigen Aromen. Ja, Holzausbau und Riesling – das ist in der Tat en vogue. Und hier in dieser Nase ist die Kombination wirklich gut gelungen. Nussig-rauchig ist das schon, aber es bleibt genug Frucht vorhanden. Leider setzte sich dies im Mund so (noch) nicht fort: Anders als in der Nase präsentiert sich der Wein noch jugendlich holzgeprägt und bleibt dadurch etwas holprig im weiteren Verlauf. Cassis und Limettenaromen dominieren, der Wein ist puristisch and karg, die knackige Säure gibt dem Wein einen straffen Charakter. Manchem am Tisch ist das zu streng, und auch nicht alle sind sich sicher, ob sich das noch einbinden wird. Jedenfalls fügen sich die im Verlauf immer deutlicher vorscheinenden Salzanklänge mühelos in das Gesamtbild ein. Röstiges, auch langes Finale, das aber noch stark vom Holzeinsatz geprägt wird. Ein Wein für ein – zumindest meinerseits – gern gesehenes Wiedersehen ab 2020+. 90+ bis 93+ Punkte aus der Runde, 92+ Punkte von mir.

Pfeffingen Riesling trocken Weilberg Großes Gewächs 2007

Leider hatte Pfenningens Großes Gewächs aus dem Ungsteiner Weilberg einen derart schlimmen Korkfehler, das sich jede Beschreibung und Bewertung verbietet. Das ist sehr schade, denn dieser Wein kann durchaus zu Großem fähig sein. Nützt aber alles nichts, der Inhalt in dieser Flasche war schlicht kaputt.

Robert Weil Riesling trocken Gräfenberg Großes Gewächs 2007

Robert Weils Großes Gewächs aus dem Kiedricher Gräfenberg, das hier Sparringspartner des Weilbergs hatte werden sollen, entschädigte uns mit einer wunderbar durchgezeichneten Nase voller Orangenblüten und Zitrusfrucht. Frisch und fröhlich ist der Duft, mit zarter Frucht. Ein Trinkvergnügen ersten Ranges auch im Mund, wieder Zitrusfrucht, die leichte und dienende Fruchtsüße spielt wunderbar mit der Säure und sorgt in Windeseile dafür, dass dieser klassische Rheingauer im Glas schon verdunstet ist, noch ehe man über die helle Mineralik staunen kann. Tiefgehender Charakter? Das eher weniger. Macht aber nichts, denn Trinkvergnügen sollte man auch hinreichend goutieren, zumal auf diesem Niveau! Wir taten es und vergaben einheitliche 93 Punkte (Platz 3 der Probe).

Marc Kreydenweiss Riesling Kastelberg Grand Cru 2007

Wein Nummer 6 ließ uns schon mit seiner Aromatik klar werden, dass wir Deutschland verlassen hatten. Denn der Kastelberg Grand Cru 2007 kam – was im Elsass ja nicht ganz so selten der Fall ist – mit einer leicht oxidativen Nase daher. Dazu gelbe Pflaume und eine leichte Malz-Honig-Mischung. Begleitet von schwarzem Tee zeichnet der Wein im Verlauf eine schöne Bahn. Ein wenig Gerbstoff sorgt auch dafür, dass er seine Eigenständigkeit behält. 90-92 Punkte von der Runde.

Kühling-Gillot Riesling trocken Pettenthal Großes Gewächs 2007

Eigenständigkeit hatte auch der nächste Wein. Aber keine, die den Mittrinkenden so richtig gefallen konnte. War die Nase von Kühling-Gillots Großem Gewächs aus dem Pettenthal noch würzig, gelbfleischig und expressiv, ja sogar mit einer gewissen Kühle versehen, bietet der Wein im Mund dann doch eher das Zerrbild eines Rieslings. Dichter Körper, überlagernd mächtig und derart ölig, so dass man ihn mit einem Löffel, ach, einer Suppenkelle zu sich nehmen könnte. Hochreife Aromatik, die ins Lackige geht, und leider auch eine vom Alkohol getragene Aromatik. Dazu Jod, etwas Tabak und weitere Aromen, die darauf schließen lassen, dass in diesem Wein Trauben mit Botrytisbefall verarbeitet wurden. Von allem zu viel, und das auf Kosten des Spiels, diese Aussage aus der Runde trifft es, weshalb man diesem ob seiner Masse fast schon taumelnden Boliden mit aus der Runde gegebenen 87 Punkten durchaus – zumindest wie ich finde – angemessen bewertet hat.

Wittmann Riesling trocken Kirchspiel Großes Gewächs 2007

Auf Regen folgt Sonnenschein, das sagt eine alte Volksweisheit. Ob der Probenleiter diese bei der Zusammenstellung der Weine im Auge hatte, ist nicht überliefert. Mit Riesling Nummer 8 präsentierte er uns jedenfalls einen wunderbaren Wein, der nicht ohne Grund den Tagessieg abräumte: eine ungemein vielschichtige, ernsthaft und verspielt wirkende Nase geprägt von Kräutern, Cola und Äpfeln, eingebettet in hellen Kalksteinstaub. Tief und ernst, und dabei verspielt und leichtfüßig. Ein fokussiert geführter Antrunk voller innerer Spannung, der Wein vibriert unter der Säure und der Mineralik, die von einer Frucht aus Zitrus und Cassis und feiner Cremigkeit umfasst wird. Langes und ausdifferenziertes Aromenfeuerwerk im Finale, einerseits saftig frisch, andererseits salzig-straff, aromatisch voll auffächernd. Animierend und fordernd zu gleich. Der Runde ist der Wein 94-95 Punkte wert. Und auch für mich stand fest: Das ist ein großer Wein, dieses Große Gewächs aus dem Kirchspiel von Wittmann! Wer sich nur für den Tagessieger interessiert, der mag nun aufhören mit dem Weiterlesen. Und wer ihn obendrein noch in seinem Keller vorrätig hat, der hat alles richtig gemacht!

Wittmann Riesling trocken Kirchspiel Großes Gewächs 2004

Wittmanns Kirchspiel aus dem Jahr 2004 überraschte uns beim Aufdecken. Wenn man diesen Wein und den Vorgänger in Karaffen auf den Tisch gesetzt und die leeren Flaschen daneben gestellt hätte, hätten wir diesem Wein ganz eindeutig die Flasche aus 2007 zugeordnet. Lang leben die Stereotypen und das Blindverkosten! Der Probenleiter schloss eine Verwechslung aber aus, glauben wir es ihm. Dichte Nase, diesmal mit Steinfrucht und Mandarine, etwas Sesam und Rauchspuren, ja, auch etwas Marzipan. Und somit hatte diese Nase so gar keine Ähnlichkeit zum 2007er Kirchspiel. Kraftvoll im Mund, etwas dichter, etwas mehr Alkohol, wieder Steinfrucht und Mandarine, lang und druckvoll im tabakigen Finish. Der Wein ist durchgezeichnet und in sich ruhend, wenngleich nicht ganz so zwingend wie sein Vorgänger aus 2007. 92-94 Punkte aus der Runde, ich gesellte mich zu den höher Punktenden.

Alzinger Riesling trocken Loibenberg Smaragd 2001

Eine spannende Nase hat der Loibenberg Smaragd von Alzinger. Sie wird geprägt von kräuterwürziger Schwarzbrotröste, kaum noch ist die Frucht zu vernehmen. Hier haben die Reifetöne nach 15 Jahre Reife inzwischen stimmig übernommen. Kühler Stil. Auch im Antrunk zeigt sich der Wein im Herbst seines Lebens. Steinige Mineralität, Reifetöne, gedämpfte Fruchteindrücke. Der Wein hat die Gelassenheit des Alters erreicht, ist hinreichend agil und somit zugleich ein schönes Beispiel für einen weit gereiften trockenen Riesling. Etwas Jod und Karamell im unaufgeregten Nachhall. Die Runde vergibt 90-92 Punkte – auch ich finde den Wein noch ausgezeichnet. Er darf ausgetrunken werden.

F. X. Pichler Riesling »M« 1994

Das hätte man mit dem Nachfolger auch schon längst tun sollen, jedenfalls was diese Flasche betrifft. Unschön medizinale Nase, gezehrt von der Reife, ein Hauch Kräuter und gelbe Frucht. Hier tut sich nicht mehr viel. Im Antrunk diffus süß und dick, Trockenkräuter, Petrol und eine vom Alkohol stammende Bitterkeit. Die schärfende Säure, die hier dagegen steht, nimmt den Wein gänzlich aus der Balance. Diese Flasche des F. X. Pichler Riesling »M« konnte uns nicht überzeugen, was sich in – wie ich meine – fairen und einheitlichen 84 Punkten niederschlägt.

Knipser Riesling trocken Steinbuckel Großes Gewächs 2004

Überraschend jugendlich zeigt sich Knipsers Großes Gewächs aus dem Steinbuckel, das uns im Line-up als Wein 12 beschäftigt. Und das macht er ausgezeichnet mit einer hellen Mineralik ganz eigener Art, die diesem Wein – jahrgangsübergreifend – fast immer eigen ist. Dazu kommt eine feine Aromatik von Nüssen und Orangenblüte. Die Mineralik setzt sich auch im Mund fort, dazu kommt ein frisches Säurespiel, das bei diesem Wein für eine ganz eigene jugendliche Pikanz sorgt. Auch zarte und dabei glockenklare Orangen- und Mandarinenaromen, die dem Wein eine elegante Note verleihen, nur angedeutet auch Marzipan. Ohne vernehmbare Reifetöne, was beim Aufdecken doch ein wenig überrascht. Der Wein schmeckt gut und gerne ein halbes Jahrzehnt jünger als er als ist. Nicht jedem aber ist der Wein tief genug, was sich in 90-92+ Punkten widerspiegelt.

Christmann Riesling trocken Idig Großes Gewächs 2001

Gegen den Folgewein hätten gleichwohl nur wenige den Steinbuckel eintauschen wollen. Der Idig von Christmann aus dem Jahr 2001 kam mit einer leicht kamilligen und wuchtigen, wenngleich klaren Gelbfrucht-Nase ins Glas und zeigt insgesamt ein vielfältiges Aromenbild. Weniger überzeugend dann die Eindrücke im Mund: süßlich weicher Antrunk, gelbfruchtig wuchtig und hochreif mit etwas zu deutlicher Alkoholpräsenz. Dem Idig fehlt hier die Spannung, es hätte einer kräftigeren Säure gebraucht, um gegen den Körper anzukommen. Wieder Kamillearomen im dunkel-mineralischen Finish. Ein sehr guter Wein, ja klar, aber ein ausgezeichneter Wein ist der Idig diesmal nicht – einmütige 89 Punkte aus der Runde.

Heymann-Löwenstein Riesling trocken Uhlen »R« 2004

Ein wahres Dickschiff sollte das Ende unserer Probe einläuten. Dichte gelbe Frucht und Trockenkräuter in der Nase, dazu jede Menge Schiefer, vielleicht auch Botrytis? Der Wein duftet wie ein leicht restsüßer Wein von der Untermosel. Auch im Mund kann der Uhlen »R« von Heymann-Löwenstein heute leider nicht überzeugen, denn sein Antrunk ist süßlich und schwerfällig. Die Aromen reichen von einer verhaltenen Schiefermineralik zu deutlichen Trockenkräutern und Äpfeln bis hin zu Seetang. Vielschichtig ist das dennoch nicht. Auch hat der Wein wenig innere Spannung. Moderat präsente Säure, was bei einer eher halbtrockenen Sensorik nicht wirklich hilfreich ist. So beenden wir die Probe übereinstimmend mit 87-88 Punkten.

Wie auch schon in den vorangehenden Proben hatten wir einmal mehr Spaß mit unserer weißen Lieblingsrebe – im Spätherbst 2017 wird diese Runde ihr zehntes Zusammenkommen feiern. Und da es schon fast soweit ist, wird das Protokoll dazu schon bald folgen.

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