Zwei Rieslinge vom Weingut Thanisch Erben Müller-Burggraef

Zwei Rieslinge vom Weingut Thanisch Erben Müller-Burggraef

Dass Riesling Medizin ist, liegt irgendwie nahe, vor allem wenn er restsüß und gerne auch etwas gereift ist. Die feinnervige Säure belebt, der wenige Alkohol macht den Wein verträglich und der unwiderstehliche Schmelz eines Kabinetts oder einer Spätlese kann durchaus emotional wirken. Kurzum: Kaum eine andere Essenz aus der Welt des Weins fühlt sich so gut und so gesund an.

Der Doctorberg und seine Riesling-Medizin

Die vielleicht berühmteste Lage an der Mosel hat ihren Namen genau da her. Zumindest der Legende nach waren es die Weine von den Hängen oberhalb von Bernkastel, die für den Trierer Kurfürst Boemund II. im 14. Jahrhundert das letzte Mittel für die Heilung von einer schweren Krankheit waren. Um das in Erinnerung zu halten, befugte dieser die Winzer, die Lage fortan Doctor nennen zu dürfen.

Das alles gehört in das Reich der Legende, das erste Mal urkundlich erwähnt wurde die Lage erst 1677. Aber es trifft wohl zu, dass, wenn auch später, den Wein zumindest andere als Medizin zu sich nahmen, unter anderem König Edward VII. aus England.

So oder so, warum der Doctor so heißt, liegt nahe. Komisch eigentlich, dass Kurfürsten, Könige oder Bischöfe nicht auch andernorts auf dieselbe Idee gekommen sind. Der Doctor in Bernkastel ist tatsächlich der einzige seiner Art, und man kann wohl sagen, die Marke hat voll eingeschlagen. In der Riesling-Welt kennt ihn jeder.

Die Thanisch-Witwe und ihre Erbinnen

Besonders verbindet man den Doctor mit der Familie Thanisch, die schon seit Anfang des 17. Jahrhunderts rund um Bernkastel Wein anbaut. 1882 erwarben die Thanischs ihre Parzellen am Doctorberg. Und diese sollten ihr Weingut weltberühmt machen. Im 20. Jahrhundert wurden die Thanisch-Weine zum Aushängeschild für den Riesling schlechthin. Von Kaiser Wilhelm II. bis zu Konrad Adenauer wurden sie getrunken und gerne auch mal als Geschenk in der Diplomatie verwendet. Auf Auktionen wurden die Trockenbeerenauslesen zu schier unsittlichen Preisen versteigert, und auch heute noch kosten die Weine vom Doctor ein paar Euro mehr als aus anderen Lagen.

Der Doctorberg zählt noch immer zu den wertvollsten Lagen in Deutschland. Aber zu erwerben gibt es hier schon lange keine Rebstöcke mehr. Lediglich zur Pacht ausgeschrieben wird ein kleines Stück – ein Viertelhektar, das alle neun Jahre an zwei Pächter gehen muss. Die letzte Gelegenheit haben übrigens Thomas Haag und Markus Molitor genutzt.

Die Thanischs allein hingegen sind im Besitz von zwei Hektar des insgesamt 3,25 Hektar umfassenden Doctorbergs. Das heißt, allein zählt nicht mehr, zumindest seit 1987. Denn da hat sich das Weingut aufgeteilt – in die Weingüter Wwe. Dr. H. Thanisch Erben Thanisch und Wwe. Dr. H. Thanisch Erben Müller-Burggraef. Geleitet werden die Weingüter von zwei Nachfahrinnen des legendären Weingutbegründers Dr. Hugo Thanisch – Urenkelin Sofia Thanisch und Barbara Rundquist-Müller, Nichte von Hugos Enkelin Margrit Müller-Burggraef. Aufgeteilt hatte man das Weingut nach einfachem Prinzip: Jede Lage wurde vertikal halbiert. Und nicht nur die Weinberge, auch den berühmten Doctorkeller, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den Weinberg geschlagen wurde, teilen sich die Weingüter. Hier wird immer noch ein guter Teil der Weine von beiden Gütern fassgelagert, und auch die Schatzkammern befinden sich hier.

Zwei Weine vom Weingut Thanisch Müller-Burggraef

Heute im Glas habe ich zwei Rieslinge vom Weingut Wwe. Dr. H. Thanisch Erben Müller-Burggraef. Das Weingut ist mittlerweile das größere der Thanisch-Erben und umfasst 13 Hektar, zum Teil in den besten Lagen von Brauneberg bis Wehlen.

Der Tradition fühlt man sich verpflichtet, aber trotzdem wirft man hier den Blick nach vorn. In den neunziger Jahren war das Weingut etwas abgetaucht und stand im Schatten des Schwestern-Weinguts, das auch die Mitgliedschaft im VDP behielt. Erst mit Barbara Rundquist-Müller, die das Weingut im Jahr 2006 übernahm, kam die Erneuerung, die bis heute anhält. Mit Maximilian Ferger holte sie einen jungen Önologen mit eigenen Ideen und gutem Netzwerk ins Weingut. Der Weinbau wurde nach und nach auf nachhaltige und ökologische Bewirtschaftung umgestellt. Die Laubarbeit wurde verändert und gelesen wird etwas früher. Im Keller werden die Weine fortan sehr schonend und langsam gepresst, wobei der Saft Kontakt zu den Schalen bekommt. Vergoren wird seitdem spontan.

Begleitet man die Weine über Jahre hinweg, bemerkt man diese Entwicklung deutlich. Der Weg führt weg von den konzentrierten und süßen Mittelmosel-Weinen, hin zu filigraneren, komplexen, feinwürzigen Rieslingen. Das bestätigen auch zwei Weine aus 2015 und 2016, mit denen ich kürzlich ein paar Stunden verbringen durfte. Für restsüße Rieslinge gilt die Regel: Trinke sie knackjung oder lasse sie viele Jahre liegen. In diesem Fall habe ich ersteres getan, noch rechtzeitig, beide Weine waren aromatisch weit geöffnet.


Wwe. Dr. H. Thanisch Erben Müller-Burggraef Bernkasteler Graben Riesling Spätlese 2016

Die Spätlese kommt aus dem Graben, der, anders als der Name vermuten lässt, ebenfalls eine Steillage ist. Er grenzt direkt nördlich an den Doctorberg und ist wie diese als Erste Lage zertifiziert. Die Gemarkung beginnt exakt bei dem pittoresk über Bernkastel wachenden Brunnenhäuschen. Devonschiefer ist auch hier das tragende Element. Im Glas funkelt glänzendes Goldgelb. In der Nase eine supersaubere, verführerisch duftige Steinfrucht, dazu jede Menge würzige, auch ätherische Kräuternoten, Zitronenmelisse, Bockshornklee, Minze. Das ist aromatisch breit gefächert und sehr fein. Im Antrunk dezente Aromen, ganz klassisch weißer Pfirsich, nur eine Andeutung von Maracuja. Hinzu kommt eine filigrane, ganz feine, aber nachhaltige Säure. Der Wein ist toll strukturiert, blitzsauber und saftig. Hier geht es nicht um Süße, hier geht es um Pikanz, mineralischen Zug und sogar etwas Salzigkeit. Man kann tief in den Wein eintauchen, hier ist nichts mollig, kein überstehender Zucker, keine übertriebene Reife, kein Babyspeck. Vielmehr die großartige Balance, für die eine Spätlese stehen soll. Verdammt gut gemacht! Und zudem kann man den Wein jetzt schon mit größtem Genuss trinken.

Direkt vom Weingut, ca. 18 Euro, jetzt oder in den nächsten 20 Jahren trinken, 92 Punkte (ausgezeichnet)


Wwe. Dr. H. Thanisch Erben Müller-Burggraef Berncasteler Doctor Riesling Auslese 2015

Und nun zum Doctor. Helles, fast weißes Gelb im Glas. In der Nase blitzsauber, neben der intensiven weißen Steinfrucht auch Zitrusnoten, Limetten, jetzt spürbar Schiefer. Auch hier komplexe ätherische würzige Noten, Senföl, aber dezenter. Die Mineralität duftet aus dem Glas heraus, sie ist ungebändigt, fast schärfend. Auch die Auslese zeigt sich im Antrunk überhaupt nicht verschlossen, im Gegenteil. Zuerst eine ganz feine, trotzdem vibrierende Säure, an Aromen eine strahlend weiße Pfirsichfrucht, gefolgt von reifen Zitronennoten und einem langen schieferigen, wieder sehr mineralischer Abgang. Die Textur ist wässerig und zart. Im Nachhall ist der Wein dezent, aber lang. Der Verlauf führt um mineralische Ecken und Kanten herum, bei aller Eleganz ist das noch eine Achterbahnfahrt, mit mehr Reife wird sich das beruhigen. Gut, der Wein ist noch viel zu jung, was aber jetzt schon beeindruckt, sind sein Spiel, seine Präzision, seine Eleganz. Wunderschön finde ich, dass er überhaupt nicht zu süß, sondern leicht, komplex und verspielt ist. Ich hätte gerne gewusst, wie diese Flasche wohl in zwanzig Jahren schmeckt. Nun ist sie ausgetrunken. Gelohnt hat es sich trotzdem!

Direkt vom Weingut, ca. 50 Euro, frühestens in 15 Jahren trinken oder besser noch länger im Keller vergessen, 93 Punkte (ausgezeichnet)


Was bleibt? Ein sehr feinwürzig verspielter und ein hocheleganter und komplexer Wein, beide gemacht für die Ewigkeit. Natürlich ist das typisch Mittelmosel. Aber trotzdem ist das feiner und klarer als der süße, konzentrierte Stil, den man um Bernkastel noch so häufig findet. Umso schöner, dass die Moderne auch hier die edelsüßen Weinen erreicht hat. Wir dürfen gespannt sein, was in den nächsten Jahren vom Weingut Thanisch Erben Müller-Burggraef kommen wird.

Zu kaufen gibt es die Weine zum Beispiel hier und hier. Wer sich aber erstmal einlesen möchte, findet auf der Website des Weinguts unter anderem jede Menge Verkostungsnotizen und Faktenblätter auch älterer Jahrgänge.