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Autor: Thorsten

Zwei Silvaner von Rudolf May

Zwei Silvaner von Rudolf May

Schaut man nach Franken, kommt man am Weingut Rudolf May nicht vorbei. Da sind die auffällig modernen Etiketten, mit denen einem die Weine immer häufiger auf den Empfehlungslisten begegnen. Und die Weine erzielen Jahr für Jahr einen immer größeren Ruf. Dabei gibt es das Weingut von Rudolf May noch gar nicht mal lang. Es ist kein Betrieb, der über Generationen gewachsen ist, zu Werke geht hier immer noch Generation Nummer eins. Erst 1999 errichtete es der gelernte Winzer und Weinbautechniker in Retzstadt, nördlich von Würzburg in einem Nebental des Mains. Schon mit seinen ersten Jahrgängen machte Rudolf May Furore, heute zählt er zur neuen Spitze in Franken. Seit 2014 ist er Mitglied im VDP und produziert seitdem herausragende Große Gewächse. Erst kürzlich räumten die Rieslinge und Silvaner Jahrgang 2015 aus dem Himmelspfad im Retzstädter Langenberg und dem Rothlauf im Thüngersheimer Johannisberg bei den GG-Premieren eindrucksvoll ab. Und waren dann binnen kürzester Zeit ausverkauft.

Rudolf May steht für moderne, extraktreiche, klar profilierte Silvaner und Rieslinge, die aber trotzdem voll in fränkisch trockener Tradition stehen. In seinem Sortiment sorgt er für Vielfalt, was ihm vor allem durch die Selektion von Trauben aus besonderen Parzellen, schonende Behandlung im Keller und unterschiedliche Ausbauarten in Stahl, Stückfässern und sogar Betoneinern gelingt. Den Unterschied wollte ich mir heute mal vor Augen führen. Im Glas hatte ich zwei Silvaner – beide Jahrgang 2014 – aus dem Retzstädter Langenberg, eine Erste Lage, die den Ort fast komplett umgibt und vom Muschelkalk geprägt ist. Der Ortswein kommt aus verschiedenen Parzellen dieser sprichwörtlichen Ortslage. Die Herkunft des Schäfers, der Lagenwein, lässt sich ganz genau einkreisen. Er stammt aus dem gleichnamigen Gewann nördlich des Orts von rund 50 Jahre alten Reben. Die Flaschenwahl spricht eine klare Sprache. Der Ortswein kommt im Bocksbeutel, der Lagenwein in der Burgunderflasche.

Zuerst der Ortswein. Ihn ließ Rudolf May gut zehn Stunden auf der Maische stehen und baute ihn dann ganz klassisch im Stahl aus. In der Nase ist er blitzsauber, dezent grüne und weiße Früchte, etwas frisch geschnittene Petersilie, weiniges Bukett. In der Nase scheint der Wein alles andere als ein Fruchtpleaser, denkst Du, und dann fällst Du beim Antrunk in ein generöses Früchtebett. Es grüßt eine volle Silvanerfrucht. Da ist der grüne Apfel, auch etwas weißer Pfirsich, und die leichte Sellerienote und frische Haselnuss. Bei allem schwebt eine schöne Mineralität im Mund, am Gaumen hat der Wein leichte Pikanz und Salzigkeit. Die Säure ist im Antrunk nicht sehr präsent, sondern tiefer integriert. Letztlich hat der Wein eine durchaus feste Struktur und gute Frische. Richtig gut gefällt mir der Verlauf, in dem viel passiert, Frucht, Extraktsüße, Mineralität, Frische, Salzigkeit. Ein hervorragend gelungener, aromatischer Ortswein mit leichtem bis mittleren Körper, sehr gut passend zu Antipasti, Pesto, Gemüse oder weißem Fleisch, der Wein kann durchaus etwas ab. Auch solo macht er halt richtig Spaß! (88 Punkte)

Nun geht’s an den Schäfer. Er lag noch deutlich länger auf der Maische als der Ortswein, danach landete er im neuen Stückfass. Und hier geschieht nun wahrlich völlig anderes. In der Nase neben grünem Apfel und weißer Frucht eine sehr ausgeprägte mineralisch-schmelzige Note, etwas Rauch, weißer Pfeffer, dezente Deftigkeit, extraktreich, würzig und verführerisch. Der Antrunk ist hervorragend, eine wenn auch dezente, aber anhaltende trockene grüne Apfelfrucht, gepaart mit der Würze von Sellerie, alles ist getragen von einer deutlichen Mineralität und Salzigkeit. Gut, das alles hatte der Ortswein auch, hier aber kommt alles ungleich mehr zum Einsatz. Der Wein ist deutlich vegetabiler, auch tabakig. Am Gaumen bleibt eine salzige, extraktreiche, leicht herb wirkende Schicht zurück. Wie bei dem Ortswein steht die Cremigkeit im Vordergrund, die integrierte Säure sorgt aber für gute Frische. Der Wein hat offenbar mehr Kontakt mit der Maische gehabt. Er ist sehr strukturiert, hat eine tolle Dichte, hat durch die Phenole sogar etwas Schärfe und auch viel mehr Power im Glas. Und durch all das dringt eine leichte Holznote durch. Ein Power-Paket, balanciert, ambitioniert, mit großer Länge auf der vegetabilen Note und Salz, ganz viel Salz sogar. Aber ich würde den Wein jetzt noch liegen lassen. In zwei, drei Jahren öffnet er sich vielleicht noch mehr. (91 Punkte)

Kreta auf den Punkt gebracht – die Dafnios-Weine von Nikos Douloufakis

Kreta auf den Punkt gebracht – die Dafnios-Weine von Nikos Douloufakis

Aus Kreta kamen vor ganz langer Zeit die großartigsten Weine Europas, so besagen es antike Funde. Heute ist es als Weinland in einer Nische verschwunden. Zu unrecht, denn wie in vielen anderen Gebieten auch gibt es hier seit den Neunzigern einige moderne, ambitionierte Winzer, die mit viel Ambition versuchen, Qualität und Herkunft in ihren Weinen herauszuarbeiten. Einer der wichtigsten unter ihnen ist Nikos Douloufakis. Er hat das Weingut seines Großvaters und seines Vaters in den letzten zwanzig Jahren einer schonenden Frischzellenkur unterzogen und setzt heute durchgehend auf Bioanbau. Vor allem aber verbindet er Qualität mit Vernunft und Geschick in der Vermarktung. Sein Sortiment ist vielseitig. Er setzt auf autochthone Weine, aber auch auch auf die üblichen internationalen Sorten.

Douloufakis‘ Weine gibt es in allen Preisklassen und in allen Vertriebskanälen, in den Tavernas, in Hotels, in der gehobenen Gastronomie, in Supermärkten, am Flughafen und in Feinkost- und Regionalshops auf der Insel. Sie sind in ganz Griechenland und sogar in Deutschland erhältlich. Vor allem aber kann man die Weine ruhigen Gewissens bestellen, denn sie sind durchweg sauber und gut. Sehr interessant und mittlerweile sogar verhältnismäßig bekannt sind die beiden Dafnios-Weine aus dem Heimatort von Douloufakis, wenige Kilometer südlich von der Hauptstadt Heraklion. Mich hat in letzter Zeit die Neugier auf Kreta und Griechenland gepackt, daher sind die beiden ein Muss für diese Probierstube hier.

Douloufakis Dafnios rot, 2014

Der rote Dafnios ist vielleicht einer der bekanntesten Weine aus Kreta. Dafür gesorgt haben unter anderem gute Bewertungen durch Robert Parker und Mark Squires. Der Wein besteht zu 100 Prozent aus Liatiko, der klassischsten, ältesten und vornehmsten der roten kretischen Rebsorten. Aus der Traube werden auf Kreta schon seit Ewigkeiten hochwertige süße Likörweine erzeugt. Aber auch für den trockenen Stil von heute hat sie hervorragende, in der Weinwelt leider weitgehend verkannte Anlagen. Der Dafnios reifte neun Monate in Zweit- und Drittbelegung im Eichenfass, ein Teil wurde aus dem Stahltank dazu cuveetiert, um die Fruchtigkeit zu betonen.

Im Glas rubinrot, glänzend, klar, jung, leichte Kirchenfenster. In der Nase ist der Wein eigen, Trockenfrüchte, Aprikosen, schwarze Beeren, auch süßer Tabak und dunkle Kräuter. Der Duft ist primärfruchtig mit einiger Würze, genau die Verbindung, die Liatiko ausmacht. Im Antrunk eine schöne Beerigkeit und Schwarzkirschen, die Frucht wird auch hier wieder rotwürzig und kräuterig gestützt. Der Wein ist trocken. Extrakt und süßes Tannin sorgen für einen delikaten Eindruck. Die Säure ist sehr präsent, zusammen mit den Gerbstoffen ist viel los im Glas. Ganz hinten im Nachhall schimmert auch ein für 14 Prozent erstaunlich geringes Quentchen Alkohol durch. Was den Wein wirklich auszeichnet, ist sein eigenständiges Aroma mit dunklen Beeren, Schwarzkirschen, viel Frucht und ordentlich Frische. Hinzu kommen diese etwas herben Trockenkräuter, die Gewürzigkeit, irgendwo habe ich sehr passend von Weihrauch gelesen, auch etwas dunkle Schokolade. Der Körper ist trotz des Alkohols  im mittleren Bereich. Es stellt sich Trinkfluss ein. Das Aroma zieht sich in die Länge, was mir wirklich gut gefällt. Der Dafnios ist ein Wein mit Herkunft, nicht zu geschliffen und mit guter Frische.

Blind hätte ich diesen Wein nach Italien gesteckt und weniger Alkohol darin vermutet. Er ist sauber, duftig, bietet Struktur und Trinkigkeit und taugt wirklich als Aushängeschild für die uralte würzig-aromatische Liatiko-Traube. Nicht nur, weil er gerade mal 9 Euro kostet, ist er ein ausgezeichneter Weinwert. (Aus dem Weinhandel für 8,95 Euro, 89 Punkte)

Douloufakis Dafnios weiß, 2015

Auch mit dem weißen Dafnios setzt Douloufakis auf eine typisch kretische Rebsorte, die Vidiano, die wiederum nahe verwandt ist mit den anderen, wahrscheinlich noch älteren autochthonen Vilana und Thrapsathiri. Die Trauben ergeben aprikosige, limonige, kräftige Weine mit guter Säure.

Ein ganz klares helles Gelb im Glas. In der Nase Frucht über Frucht, viel Zitrus und grüne Früchte, Kiwi, etwas Handcreme, das wirkt richtig stoffig. Blind würde ich sofort auf einen jungen, sehr gehaltvollen Riesling tippen. Und auch direkt im Antrunk würden noch keine Zweifel daran aufkommen. Der Wein ist trocken und extraktreich. Die Säure macht’s, reif und trotzdem etwas resch sorgt sie für Frische. Im Mund bietet der Wein ganz viel Zitronenaromen, dazu Aprikose. Dann geht der Wein seinen eigenen Weg, er hat herbe Aromen, Gerbstoffe, die für einen zur Zeit etwas ruppigen Grip am Gaumen sorgen. Vor allem aber kommt die ordentliche Kraft des Weins durch, mit zunehmender Wärme im Glas entsteht ein Alkoholfähnchen. Gekühlt bleibt das voll im Griff und der Wein voll in der Spur. So lässt er nicht an heißes Klima denken, die Säure steht gut da, auch an den Aromen ist nichts zu reif, der Wein ist sogar eher crisp als cremig. Zu Kreta passt das. Hier soll Weißwein erfrischend den Gaumen bespülen. Mit dem weißen Dafnios gelingt das Nikos Douloufakis auf sehr gutem Niveau.

Den Wein kann man sich zu vielen Speisen gut vorstellen, vor allem zu kräftigem Fisch vom Grill. Solo ist er mir etwas zu kantig und kräftig, aber das ist Geschmackssache. An Vielschichtigkeit und Raffinesse steht er seinem roten Bruder etwas nach. Doch er ist sauber, frisch und gelungen, und vielleicht wird mit etwas Flaschenreife auch noch etwas weicher. (Aus dem Weinhandel für 7,85 Euro, 86 Punkte)

Was bleibt? Ein roter Wein für unter zehn Euro, der richtig viel bietet. Und sogar etwas reifen kann. Liatiko sollte man probieren, sonst verpasst man etwas. Wenn es nicht gleich etwas noch Hochwertigeres von Douloufakis oder Economou sein kann, ist der Dafnios eine gute Gelegenheit. Er ist so ein typischer Was-will-man-mehr-Wein, mit dem man nichts falsch machen, den man unbedenklich sogar flaschenweise kredenzen kann und der jedem viel Spaß macht. Der Vidiano bringt ebenfalls viel Charakter ins Glas, man muss diese etwas kräftigen Weine einfach nur mögen. Zum Essen aber ist er eine bessere Wahl als die vielen zu leichten oder zu cremigen Weiß- oder Grauburgunder, mit denen man sich viel zu oft auf der sicheren Seite wähnt. Beide Weine bringen Kreta auf jeden Fall richtig gut auf den Punkt!


  Griechische Weine führen leider immer noch ein Schattendasein hierzulande. In Deutschland zu kaufen gibt es den Dafnios aber hier und hier.

Weinrallye 101: Herzenswein

Weinrallye 101: Herzenswein

Heute ist Weinrallye, mittlerweile schon in Ausgabe 101. Das Schöne an dem Thema »Herzenswein« ist, dass ich darüber nicht lange nachdenken muss. Ein Herzenswein ist für mich ein Wein, der mich lange begleitet, mit dem ich etwas besonders Persönliches verbinde und bei dem mir gängige Schönheitsideale eigentlich völlig wurscht sind. Ein Wein, bei dem ich nicht auf primäre äußerliche Merkmale starre, sondern einer, für den schon seit vielen Jahren aus tieferen Gründen mein Herz schlägt. Und bei diesem Wein war es lange nicht nur meins. Für diesen Wein schlug auch ein Herz, das entsetzlicherweise mittlerweile zu schlagen aufgehört hat. Ich kannte Mario Scheuermann nicht gut, bin ihm persönlich nie begegnet und habe mich mit ihm auf Facebook gerne über die FDP gestritten. Über den Chateau Maugey »Le Jean-Marc« entspannte sich aber zwischen uns eine kleine, aber herzliche E-Mail-Freundschaft, die jahrelang hielt.

Und das war so: In einem inzwischen irgendwo im Internet verloren gegangenen ZEIT-Artikel von Gero von Randow las ich von einem kleinen Bordeaux-Weingut, das kaum einer kennt und Weine produziert, die nicht aus dieser Zeit und ganz hervorragend sein sollten. Kurz darauf war ich mir sicher, von wem Gero von Randow diesen Tipp her haben musste, denn auf ein kleines Posting von mir im ebenso legendären und mittlerweile leider ebenfalls abhanden gekommenen Weinplus-Weinforum meldete sich eben Mario zu Wort, der ebenfalls für die ZEIT schrieb. Ganz ausführlich erzählte er mir dort alles, was ich über das Weingut wissen wollte und sollte. Und noch viel mehr.

Ich hatte gerade erst zum Wein gefunden, war als Weintrinker und erst recht Weinbloggender noch weniger als vorpubertär. Und es war mehr oder weniger das erste Mal, dass ich so gut informiert einen Wein verkosten durfte. Auch wenn ich davon damals noch nichts davon zu Papier bringen konnte, war es für mich ein Erweckungserlebnis und einer dieser Momente, durch die ich mein Herz an den Wein verlor.

Bei jeder Flasche, die ich den folgenden Jahren aufzog, teilte ich mit Mario die Erfahrungen, die wir seither mit Jean-Marc Maugeys Weinen gemacht hatten. Es wurde ein schönes Ritual. Die Idee, mal gemeinsam eine Vertikale im größeren Stil zu organisieren, gehört nun leider zu den Dingen, die für ewig im Status des Vorsatzes verharren werden. Denn nun ist es zu spät. Obwohl ich, wie gesagt, Dich nie persönlich kennenlernen durfte, kann ich nur sagen: Ich vermisse Dich, Mario! Deine intelligenten Texte, Deine Funken schlagende Begeisterung und Deinen Geschmack, von dem ich ganz viel gelernt habe. Ich hoffe, es geht Dir gut da oben, und dass die FDP dort immer die Fünf-Prozent-Hürde schafft!

Weinrallye 101

Was hat es aber nun auf sich mit diesem Wein? Vor allem eines: Er ist herrlich unmodern. Das war er schon damals, das ist er auch heute. Chateau Maugey liegt zwar im Bordelais, aber weder am rechten noch am linken Ufer. Es liegt dazwischen, in Entres-deux-mers, dem ehemaligen großen Weißweinland zwischen Garonnes und Dordogne. Jean-Marc Maugey ist Bio-Winzer durch und durch, schon seit 40 Jahren setzt er darauf, früh fing er an mit Biodynamie. Sein Geld, dass er mit recht einfachen, aber dafür sauberen und schmackhaften Roten und Weißen verdient, gibt er in guten Jahren gleich wieder aus, um seine ganze Ambition in das Cuvée zu stecken, dem er seinen Namen gegeben hat, »Le Jean-Marc«. Der Wein ist Jean-Marcs Vision eines großen Bordeaux: Ganz betont unmodern, streng bereitet nach uralter Rezeptur, aus Merlot, Malbec und Cabernet Sauvignon. Die Weine werden auf den Stielen gepresst, drei Jahre in teure, neue Barriques gelegt, weder filtriert noch geschönt. Was dabei herauskommt, liest sich medioker: schwarze Kirschen, Pflaumennoten, Vanille, Port, reife Fruchtnoten, eine wahre Ladung an Tannin und gerne mal 14 Prozent Alkohol. Es sind üppige, dichte Weine, süß, füllig, rund. Und trotzdem, wenn man sie nur wenige Jahre reifen lässt, entwickeln sie eine Größe, die man ihnen so gar nicht zutrauen würde. Dann werden die Tannine weich, die offensiven Aromen verschwinden wie in einem Sog, der Wein wird duftig, nuanciert und wunderbar generös.

Mein Weinrallye- und Farewell-Wein für Mario Scheuermann heute ist leider nicht der 1999, der damals mein erster von dem Weingut war. Davon ist schon lange keine Flasche mehr übrig. Stattdessen kommt für mich zum ersten Mal der Jahrgang 2000 ins Glas, der auch auf Chateau Maugey einen guten Ruf hat. Mit 68 Prozent Merlot, 5 Prozent Malbec sowie 10 Prozent und 17 Prozent Cabernet Sauvignon aus zwei verschiedenen Lagen ist er für einen Maugey ungewöhnlich Cabernet-lastig ausgefallen. In der Nase ist er überraschend fein, den Wein kenne ich aus anderen Jahrgängen deutlich dunkler, dicker, konzentrierter. Hier aber ein filigraner Duft von roten und schwarzen Johannisbeeren, ganz feinduftig Pflaumen, dazu Kakao, eine elegante, sehr gut definierte Nase, keinerlei Reifetöne. Auch im Antrunk ist der Wein wunderbar elegant, viel mehr als ich es von ihm kenne. Die fein definierte Frucht ist voll präsent, dazu etwas Holz- und Extraktsüße, der Körper aber bleibt voll in der Mitte, eine Treffer ins Schwarze. Das alles ist ganz unerwartet ausgewogen, alles andere als üppig, völlig unaufdringlich, keine Spur von rustikal. Allmählich verstehe ich, was an diesem Maugey Jahrgang 2000 so außergewöhnlich seins soll. An Aromen jetzt eine schwarze Kirsche und noch mehr wieder von dieser wunderbar definierten Pflaumenfrucht. So ist das also, wenn die Merlot auf den Punkt gereift ist. So richtig öffnet sich der Wein aber erst dann, mit Minze, einer würzigen Cabernet-Note, wieder Kakao und dem salzigen und leicht süßen Tannin. Das ist alles so transparent, man schmeckt den Merlot, die Malbec, den Cabernet Sauvignon quasi heraus. Dazu kommt eine stimmige Säure und feinkörniges, aber noch nicht mürbes Tannin. Dieser Wein ist wahrlich abendfüllend und der beste, den ich bisher von Maugey getrunken habe. Eleganz zählt eben doch. Dass Jean-Marc Maugey das so hinbekommt mit seiner etwas mediokren Art Wein zu bereiten, freut mich umso mehr.

Ich hätte Mario dies alles gern geschrieben, denn dieser Wein hätte ihn ganz sicher stolz gemacht auf seinen Freund Jean-Marc. Jetzt breche ich alleine eine Lanze für ihn. Und werde es weiterhin tun. Ehrensache!

Aus dem Fachhandel, damals für gut 35 Euro, 92 Punkte

   Leider ist der »Le Jean-Marc« heute sogar noch schwerer zu finden als früher. Sicher liegt das auch daran, dass Jean-Marc ihn von 2006 bis 2009 meines Wissens gar nicht mehr produziert hat – ob aus Kosten- oder Qualitätsgründen weiß ich nicht. Den Jahrgang 2010 bekommt man hier, zudem für relativ kleines Geld. Verkostet habe ich den Wein noch nicht, er soll allerdings laut Cellar Tracker etwas weniger Tannin haben als die älteren Jahrgänge.

   Wer es weiter oben noch nicht entdeckt hat: Dieser Beitrag ist Teil der wunderbaren Weinrallye, Ausgabe 101. Vielen Dank an Peter Züllig sowie an Paul und Nico von Drunkenmonday, die die Rallye mit diesem schönen Thema organisiert haben.

Stefan Vetters Sylvaner von Muschelkalk und Sandstein

Stefan Vetters Sylvaner von Muschelkalk und Sandstein

Fränkischer Sylvaner? Verkostet man die Weine von Stefan Vetter, denkt man erstmal nicht zwangsläufig daran. Kompromisslos und puristisch sind fränkische Weine ja gerne. Stefan Vetters Sylvaner aber legen das anders aus. Sie sind nicht druckvoll, extraktreich, sie sind alles andere als Kraftpakete und überhaupt nicht von kantiger Mineralität geprägt. Sie sind eher das Gegenteil von alledem, in jeder Hinsicht schlank, säuredominiert, filigran gewoben, von ätherischen Noten geprägt, dezent und dabei raffiniert.

Man schmeckt den Weinen ganz deutlich an, dass der Winzer etwas anders macht. Dabei macht er sich vor allem sehr viel Arbeit, damit er seine Weine in Ruhe lassen kann. Die Weinberge werden biologisch bewirtschaftet, es geschieht alles in Handarbeit, gepresst werden die Weine in einer alten Korbpresse, die Vergärung geschieht spontan, ausgebaut wird in Holzfässern, keine Enzyme, keine Schönung, keine Filtrierung, geschwefelt wird minimal. Bewirtschaftet werden nur knapp zwei Hektar. Stefan Vetters wichtigste Parzellen liegen im Gambacher Kalbenstein. Ein alter, legendärer, aber sehr steiler und schwierig zu bewirtschaftender Weinberg, in dem schon lange nur noch Nebenerwerbswinzer anzutreffen waren – bis Stefan Vetter kam. Die Besonderheiten dieses Weinbergs sind die über 50 Jahre alten Reben und ein warmes Mikroklima. Vor allem sind aber gleich beide klassische Bodenformationen in Franken unter einer dünnen Auflage anzutreffen. Aus getrennten Parzellen macht Stefan Vetter seit dem Jahrgang 2013 daher mehr oder weniger »reinbödige« Sylvaner mit den Namen »Muschelkalk« und »Sandstein«. Beide sind komplett durchvergoren und lagern rund 18 Monate im Holzfass auf der Hefe. Und genau diese beiden Weine haben wir heute im Glas.

Stefan Vetter Sylvaner Steinterrassen Muschelkalk, 2013

Gleich aus der Flasche eingeschenkt, ist der Wein in jeder Hinsicht dezent, nur etwas Rauchigkeit, eine Frucht zeigt er erst gar nicht. Man muss ihn schon ganz schön locken mit Wärme und viel viel Luft. Etwas mehr öffnet sich der Wein aber erst am zweiten Tag. Etwas gelber Apfel in der Nase, etwas Holz, auch Wurzelaromen, Petersilienwurzel, Topinambur. Im Antrunk ist er trocken, dazu kommt eine saubere gelbe und kräuterige Frucht, gelbe Grapefruit, die sich dann zu einer dezent duftigen Almdudler-Note wandelt, darunter eine Spur von Holz. Die Säure ist jetzt entspannter und trägt den Wein. Auch die am ersten Tag noch schärfenden, bitteren Phenole haben sich zurückgezogen und sorgen nur noch für eine schöne, feste Struktur. Bei allem holt der Wein aus seinem wenigen Alkohol von nur 11,5 Prozent viel Kraft. Mittlerer Körper, eine etwas wilde Aromatik, viel Frische. Dabei wirkt der Wein überhaupt nicht hart, sondern saftig und wässerig, vielleicht ein Segen des wenigen Schwefels? Zum Schluss kommen dann wieder Wurzelaromen, Salz und auch wieder diese mineralische steinige Rauchigkeit, in die sich der Wein im Abgang mehr und mehr verhüllt. Ein ziemlich spannender Wein, beim dem meine Verkostungsnotiz wenig mit anderen zu tun hat, die sich so im Netz finden. Aber das verwundert nicht. Dieser Wein ist nicht leicht greifbar, er ist wandlungsfähig und trotzdem intensiv. (Aus dem Weinhandel, 18,50 Euro, 89 Punkte)

Stefan Vetter Sylvaner Steinterrassen Sandstein, 2013

Auch der Sandstein war am ersten Tag noch völlig unruhig, baute sich aber schon nach wenigen Stunden Luftzufuhr und bei Zimmertemperatur richtig auf. In der Nase viele Facetten von Blutorange, dazu stengelige Kräuter und schöne, gebändigte Holzaromen. Im Antrunk ist der Wein kompromisslos und dabei sehr geschmackig. Zuerst kommt ein wahrer Schub an Säure, der Wein wirkt förmlich sauer, dahinter aber folgt die wunderschönste Essenz der Blutorange, getragen von leichten Holzaromen. Der Körper ist ultraleicht, der Wein ist richtig schlank, er hat nur 10,5 Prozent Alkohol. Für den einen oder anderen, auch für meine Mittrinker an dem Abend, ist das ungewohnt. Mir aber gefällt das gut, auch weil der Wein aromatisch unheimlich viel herausholt. Der Abgang ist auf der säuerlichen, kräuterigen, roten Orangenfrucht und einer schönen frischen mineralischen Ader richtig lang, auch hier tickt hinten nochmal die Salzigkeit hoch. Weiter hinten greifen dann auch hier noch Gerbstoffe zu, die er von der Maische mitgenommen hat. Besonders im Nachhall fällt auf, wie ungemein sauber die Frucht ist. Über den Wein lässt sich streiten. Der Körper ist sehr schlank, der Antrunk sauer, die Säure zitronig. Schafft man es aber, dahinter zu schauen, wird man reich belohnt mit viel aromatischer Fülle und ätherischer Frische. Sehr schön ist auch die burgundische Holznote, und selten hatte ich soviel Blutorange im Glas! (Aus dem Weinhandel, 18,50 Euro, 90 Punkte)

Auf die Weine von Stefan Vetter bin ich eigentlich über seinen Gutswein gekommen, ein wunderbar klarer, leichter, aber trotzdem intensiver Sylvaner mit guter Säure, leichter Cremigkeit und einer verführerischen leichten Holznote. Die beiden Steinterrassen haben mich nun ehrlich gesagt überrascht, denn sie sind weit fordernder als vermutet. Man braucht ein, zwei Schlucke, um sich an die Säure und den schlanken Körper zu gewöhnen. Dann allerdings rührt man an der Vielschichtigkeit der Weine und an der dezenten Aromatik. Die Steinterrassen sind Weine für Entdecker, obendrein sind sie hervorragende Speisenbegleiter, etwa zu Terrinen oder Rillettes, eben Speisen, die sie mit der Säure richtig gut bespielen können.

Man schmeckt es den Weinen zwar an, ich habe in diesen Zeilen aber trotzdem ganz bewusst nicht den Begriff »Vin Naturel« verwendet. Auch wenn Stefan Vetter eben solche Weine macht, womit er in Franken noch ziemlich alleine dasteht. Aber ich denke, ich halte es dabei mit dem Winzer. Stefan Vetter schreibt auf seine Flaschen: »Nicht mehr, aber auch nicht weniger.« Ich finde, das ist eine der schönsten Entgegnungen auf den anhaltenden Streit um die Naturweine. Stefan Vetter macht auf jeden Fall keinen fuzz about it. Also, mein Tipp: Wenn Ihr Lust darauf habt, Unterschiede zu erschmecken, und Ihr seid offen für schlanke, intensive Weine, probiert diese hier. Aber gebt Ihnen Temperatur und Luft, ganz viel Luft, sonst schmeckt Ihr den Sylvaner nicht.


   Die Weine sind recht gut verfügbar, zu kaufen gibt es sie unter anderem hier, hier und hier.

Zwei Riesling-Kabinette von Julian Haart

Zwei Riesling-Kabinette von Julian Haart

Es ist etwas im Gange beim Riesling Kabinett. Lange war er ganz schwer nicht im Trend. Leichter Körper, oft viel Restsüße, vorurteilshaft als lieblich und altmodisch abgetan. Dem Prädikat wurde damit Unrecht angetan, denn beschwingte, tänzelnde Kabinette gab es zu jeder Zeit, zumindest von den guten Winzern. Und auch Weine, die mit Mineralität und Würze ihre Herkunft durchschmecken ließen, es sei denn, sie waren einfach nur stark geschwefelt.

Seit drei, vier Jahren ist aber etwas in Bewegung geraten. Einige Winzer haben das Prädikat wiederentdeckt und bringen eine neue Festigkeit und Ernsthaftigkeit in die Kabinette. Und zudem eine ganz deutlich gepufferte Süße. Klassiker wie Egon Müller und Manfred Prüm haben das natürlich immer schon so gemacht, neuere Pioniere sind dabei ganz sicher Tim Fröhlich mit seinem Felseneck, bei dem einem die Mineralität um die Ohren fliegt, und Klaus Peter Keller mit seinem höchst raffinierten Hipping, der leider nur noch in die Versteigerung geht.

An der Mittelmosel, dem klassischsten aller Kabinett-Gebiete, steht ausgerechnet ein junger Winzer für diesen neuen Kabinett. Ob er auf den neuen Stil abzielte, weiß ich nicht, und ich bezweifle es. Vielmehr wirkt es, als möchte er mit seinen Weinen eine sensorische Vorstellung umsetzen. Trinkt man Julian Haarts Weine, kommt nicht umher, an die Analogie des Sternekochs zu denken, als der er mal gearbeitet hat. Denn die Weine haben eine herausragend raffinierte Balance und bieten obendrein meist irgendetwas Besonderes. Beim Essen würde man sagen, sie seien höchst gekonnt gewürzt oder abgeschmeckt. Bein Wein sind diese Attribute irreführend, auch wenn sich Julian Haart gezielt auf jeden seiner Weine einstellt.

Kürzlich machten wir uns daran, die Kabinette von Julian Haart weiter zu ergründen. Dabei tranken wir den Wintricher Ohligsberg gegen den Piesporter Schubertslay, aus zwei verschiedenen Jahrgängen. Es sollte kein direkter Vergleich der Lagen und der Jahrgänge sein, sondern im besten Falle einfach nur zeigen, wie Julian Haart mit unterschiedlichem Klima und Boden umgeht.

Julian Haart Kabinett Ohligsberg, 2014

Für die Winzer an der Mosel, die früh genug zur Lese antraten, war 2014 ein sehr gutes Jahr mit viel Extrakt, im Vergleich zu anderen Jahren halbwegs dezenter Süße und ausgewogener Säure. Die hervorragende physiologische Reife zeigt auch der Julian Haart Kabinett Ohligsberg. Obendrein bringt er die Vorzüge der Lage zum Ausdruck, die mit ihrer Westausrichtung im Gegensatz zum weltberühmten Goldtröpfchen nicht ganz so prall in der Sonne liegt. Die Weine haben immer etwas weniger Süße, die Struktur ist fester, der Fokus sitzt auf der Mineralität. Das sind nahezu perfekte Voraussetzungen für einen dieser modernen Kabinette. So zumindest die Theorie.

In der Nase zuerst noch eine Spontinote, Reibfläche vom Zündholz, an Frucht frisch, präzise, Noten von Grapefruit, Zesten, junge Ananas. Das Bukett formt keinen Strauß, es ist mehr ein Strahl, präzise, intensiv, auf den Punkt gerichtet. Der Duft ist komplex und tief mineralisch. Im Antrunk zuerst Aromen weißer Früchte, ein festes mineralisches Korsett, dann eine dezente, aber lange Aromatik mit süßen Orangen und Pink Grapefruit. Die Säure ist tief integriert und baut sich im Mund auf, sie vibriert am Gaumen. Der Wein wird im hinteren Verlauf dann doch noch saftig und wirkt beschwingt mit dem zarten Summen der Säure. Säure und Mineralität haben die Süße fest im Griff und schmelzen jegliche Opulenz weg, das Spiel ergibt sich mehr aus den leicht herben Fruchtaromen und der Säure. Der Wein ist schlank, kompakt, hinten wird er sogar noch salzig. Das hat Komplexität und ist ungemein trinkig. Vor allem aber ist es elegant. Trotz allem, zu jung ist der Wein noch allemal. Interessant dürfte es werden, wenn sich die Festigkeit des Weins etwas legt. So ist er jetzt ein Erlebnis, ganz sicher aber ist er zum Weglegen gedacht. (92+ Punkte)

Julian Haart Kabinett Schubertslay, 2013

Der Schubertslay ist so eine Art Gegenentwurf zum Ohligsberg. Er setzt sich zusammen aus besonders hochwertigen Parzellen am westlichen Ende des Piesporter Goldtröpfchens. Der Boden besteht aus Schiefer mit hohem Feinerdeanteil, ein guter Wasserspeicher, besonders steil, direkt nach Süden exponiert. Die Weine haben, eigentlich typisch für das ganze Goldtröpfchen, häufig etwas Fülle und zeigen einen ganz klassischen Moselstil. Idealtypisch dafür stehen etwa die berühmten Süßweine von Julians Onkel, Theo vom Weingut Reinhold Haart, von dem sich Julian für diesen Wein zuzüglich zu seinen eigenen Parzellen noch einige Rebzeilen ausgeborgt hat. 2013 war an der Mosel ein Fäulnis-Jahr, und gerade das warme Goldtröpfchen dürfte kein einfacher Weinberg gewesen sein. Doch Julian Haart scheint eine sorgfältige Auslese gelungen zu sein. Der Kabinett ist sehr sauber, nicht mal Botrytisnoten sind dem Wein anzuschmecken.

In der Nase wieder Spontinoten, die sich aber schneller legen. Sogleich viel intensivere, opulentere Fruchtaromen, viel Zitrus und weiße Steinfrucht, der Wein fächert sich schon in der Nase richtig auf. Dazu kommen mineralische Noten, vor allem Schieferwürze steigt aus dem Glas empor. Im Antrunk dann zuerst jede Menge Extrakt, eine schiere Ladung an Frucht, auch wirkt die Frucht reifer als beim Ohligsberg. Schnell fällt auf, wieviel mehr Süße der Wein hat, aber auch mehr Säure. Ebenso ist der Wein körperreicher, viskoser. Gut gefällt der mineralisch-rauchige Ausdruck. An Aromen exotische Früchte und viel Zitronenschale. Der Wein ist geöffneter. Dass er trotzdem noch viel zu jung ist, merkt man an dem unbändigen Säurezug, der zwar für eine gute Extraktabfuhr sorgt und den Mund wässerig hinterlässt, aber sensorisch auf Dauer etwas anstrengend wirkt. Zugleich ist die Süße noch etwas herausstehend und sättigend. Der Abgang ist lang und hinterlässt einen Film am Gaumen. Dieser Wein ist ausgezeichnet, sehr präzise, aber noch überdeutlich definiert. Dabei ist er aber enorm intensiv, aber noch nicht fertig. Da sollte noch vieles abschmelzen. Unbedingt liegen lassen. (91+ Punkte)

Was bleibt am Ende?

Zum Ende hatten wir nicht mehr viel Wein in den Flaschen. Denn die Verkostung erfüllte die hohen Erwartungen. Und zeigte doch zwei verschiedene Weine. Der Ohligsberg hat dabei unserer Meinung nach leicht bessere Ansätze, er hat ein konsequentes Profil, einen engen Fokus und eine höchst niveauvolle Stimmigkeit. Im Vergleich zum Schubertslay ist er leiser, feiner definiert, transparenter, die Säure ist mehr kristallin als rassig. Der Schubertslay ist lauter, dabei aber gut abgestimmt. Insgesamt wirkt er ambitionierter mit seinen Anlagen der klassischen Moselfrucht und der Süße, die zur Zeit noch nicht vollständig verpackt werden kann. Und dann kommt er mit der ungeheuer straffen Säure und viel mineralischem Zug, die dem Wein trotz seiner Viskosität eine Trinkigkeit verleihen. Wir sind gespannt, wohin sich der Wein entwickeln wird. Schafft er es, die Balance zu halten? Wird er in drei bis fünf Jahren modern wirken oder wie ein sehr niveauvoller Mosel-Klassiker. Wir sind gespannt und werden weiter verkosten.


  Wer mehr lesen mag: Ein schöner ausführlicher Verkostungsartikel (in englischer Sprache) von John Gilman über die aktuelle Kollektion von Julian Haart findet sich hier.

Wittmann Westhofener Aulerde Riesling Großes Gewächs, 2006

Wittmann Westhofener Aulerde Riesling Großes Gewächs, 2006

Manchmal vergisst man einen Wein im Keller, erst unabsichtlich und dann bewusst, denn es quält das schlechte Gewissen, ihn nicht früher getrunken zu haben. Man denkt, das ist die einzige Flasche, die wird diesmal nicht zu jung, sondern bei optimaler Trinkreife aufgezogen. Und dann liegt sie da im Regal, viel zu lang, und ist am Ende nominell Jahre über den Höhepunkt hinaus. So ging es mir mit dieser Wittmann Aulerde. Das kleinste Große Gewächs des Weinguts, das in der Regel schon früh zugänglich ist, eine schöne Primärfrucht hat und so eine Art halber Weg zu den großen Weinen des Weinguts darstellt. Und dann stammte die Flasche auch noch aus dem Jahrgang 2006, bei dem erfahrungsgemäß nur die größten Gewächse etwas länger in Form bleiben. Und sogar das ohne Garantie. Meine Erwartungen waren also eher niedrig, sehr niedrig, um ehrlich zu sein. Doch diesmal wurde ich positiv überrascht.

Reife zitronengelbe Farbe im Glas, in der Nase schon mal keine Spur von Altersproblemen. Zwar eine reife, mürbe Frucht, getrocknete Zitronen und Aprikosen, aber mit Kontur, Frische und Mineralität, Kalk und frischen Kräuternoten. Im Antrunk macht sich der Jahrgang dann doch bemerkbar. Der Wein ist ölig, hat Restzucker, Du denkst mit all Deinen negativen Erwartungen, jetzt wird es mastig und lätschig. Aber im Gegenteil, aus aller Konzentration heraus baut die Wittmann Aulerde 2006 eine intensive gelbe, wieder aprikosige, zitronenhafte, überraschend frische Frucht auf. Diese ist nicht so mürbe wie erwartet und hat eine dichte, nektarhafte Textur. Die Säure ist reif, aber präsent, integriert. Sie trägt die intensive Frucht, geht mit ihr ein schönes, ruhiges, langes Spiel ein. Der Wein hat Kraft und Druck, wirkt aber mit seinem langsamen, anhaltenden Verlauf tief entspannt. Die reife Zitrusader ist von vorne bis hinten präsent. Hinten kommen Räuchernoten hinzu und eine leicht speckige Würze.

Am zweiten Tag bestätigt die Wittmann Aulerde all das, der Wein hat sogar noch an Konturen und Spannung gewonnen. Er wirkt kompakter und bekommt sogar mehr Brillanz. Die mürben Noten sind zurückgegangen. Die Aprikose wird zu einem saftigen gelben Apfel, überhaupt wird der Wein mit Luft zunehmend saftiger. Wenn er den Jahrgang auch trotzdem nicht ganz verbergen kann, in all seiner Konzentration und mit seinem nektarhaftem Mundgefühl lässt er Straffheit vermissen und fächert nicht sonderlich weit auf. Er wirkt aber nicht breit und weder zu reif noch zu weit gereift. Er hat sich sehr gut gehalten. Der Wein bietet richtig viel Genuss und sogar richtig Struktur. Und davor muss ich den Hut ziehen, denn er ist eindeutig eines der besseren Großen Gewächse aus 2006, die ich verkosten durfte.

Aus dem Handel, um die 25 Euro, 90 Punkte (ausgezeichnet), jetzt trinken

Kilburg Riesling Kabinett Ohligsberg, 2014

Kilburg Riesling Kabinett Ohligsberg, 2014

Ist ja irgendwie überhaupt nicht komisch, besonders dann Lust auf einen jungen Riesling Kabinett zu bekommen, wenn man Urlaub am Meer macht. Das passt gut zusammen, die salzige Luft, das ruppige Wetter und dann ein versöhnlicher, charmanter, frischer, knackiger Wein mit Restsüße. Diesen Riesling Kabinett kannte ich bisher noch nicht. Er war eine Empfehlung von Frau Porn im Rieslinghaus Bernkastel. Bei Betrachtung der sonstigen Flaschen in meinem Einkaufskorb schenkte sie mir damals einen vielsagenden Blick und stellte fest: »Sie haben ja eher einen ungewöhnlichen Geschmack. Dann nehmen Sie mal den hier noch mit. Ist auch von so einem jungen Wilden.«

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was das nun heißen sollte. Nachdem auch im Internet so rein gar nichts über den Wein herauszufinden war, schrieb ich eine Mail an das Weingut Geierslay, das kleingedruckt auf dem Rückenetikett zu finden ist. Antwort kam von Max Kilburg, dem jüngsten Sohn der Winzerfamilie – nicht aus Wintrich, sondern aus Australien. Dort beschäftigte er sich zu der Zeit mit dem Riesling auf der Südhalbkugel. Max verriet, dass es sich bei dem Riesling Kabinett um den ersten Wein handelt, den er selbstständig, ohne Mithilfe seines Vaters, ausgebaut hat. Auch das schöne Etikett hat er selbst gestaltet. Verkauft wird die Edition bisher nur bei Frau Porn in ihrem legendären Rieslinghaus.

Der Kilburg Riesling Kabinett hat eine kühle steinige, zarte zitronige, ins zartreif Mandarinige übergehende Nase. Dazu kommt eine leichte Würze, weiter hinten auch weißer Pfirsich, dezent und raffiniert. Auch im Antrunk bleibt der Wein präzise und interessant. Die Säure ist keinesfalls weich, wenn auch nicht resch, is sie mehr filigran, leicht pikant, nachhaltig. Die Aromen sind angenehm leise, ein Spritzer Zitrone, ein paar Tropfen Mandarine, weißer Pfirsich, weiße Blüten, sehr saubere Frucht. Und dann kommt sie doch noch durch, diese Prise Schiefer, die für Würze sorgt. Hinten hat der Wein eine feine Salzigkeit. Das alles verpackt den Restzucker recht gut. Ein interessanter, blitzsauberer, kühl und komplex ausgebauter, nicht so leicht greifbarer Kabinett. Etwas weniger Restzucker oder ein, zwei Gramm mehr Säure würden ihn vielleicht noch besser abrunden bzw. noch »wilder« machen. Aber dieser Riesling ist auf einem sehr guten Weg. Er sorgt für tollen Trinkfluss, hat Eleganz, bietet Auseinandersetzung.

So möchte man Riesling Kabinett trinken, eben nicht nur schluck-, sondern glasweise. Glückwunsch, Max Kilburg! Das ist hervorragend gelungen. In der Edition soll noch einiges kommen, zukünftig sogar aus einer ersten eigens vom Winzersohn dafür erworbenen Parzelle im Ohligsberg. Das lässt an Julian Haart denken, den anderen »jungen Wilden«, mit dessen Kabinett aus derselben Lage mich Frau Porn in ihrem Laden erwischte. Und so tut es auch die Qualität des Weins. Ich bin gespannt und freue mich auf mehr Rieslinge von Max Kilburg.

Rieslinghaus Bernkastel, um die 10 Euro, 87 Punkte (sehr gut), jetzt oder in den nächsten drei Jahren trinken

Der Riesling Jahrgang 2015 auf der VDP-Weinbörse in Mainz

Der Riesling Jahrgang 2015 auf der VDP-Weinbörse in Mainz

Nach einigen viel zu frühen Unkereien und Streitereien in diversen Blogs und sozialen Medien kann man es nun endlich sagen: Der Jahrgang 2015 ist sehr gut ausgefallen, in allen Gebieten, für die Weißweine und insbesondere für den Riesling. Das zeigen längst nicht nur meine Verkostungsnotizen in diesem Bericht. Darüber sind sich alle Probanden einig.

Winzer aus allen Gebieten berichten das Gleiche: Im Winter gab es reichlich Niederschlag, was für gute Wasserreserven sorgte. Der Frühling startete früh. Doch blieb es, entgegen dem Klima in den Vorjahren, eine ganze Zeit lang kühl, was den Reben gut gefiel. Erst im Juli zog dann so richtig der Sommer ein. Wochenlange Hitze und vor allem Trockenheit führten stellenweise zu so viel Stress, dass die Reben in manchen Gebieten und Lagen das Wachstum einstellten. Das führte stellenweise dazu, dass die Beeren auch noch in Folge recht klein waren, aber in den nächsten Wochen bei nahezu idealem Wetter mit nur noch kurzen heißen Episoden sehr gut ausreifen konnten.

Zur Lese gab es dann fast überall optimale Bedingungen, weitgehende Trockenheit, warme Tage und kühle Nächte. Im Süden zogen die Öchsle an, daher wurden die Trauben früh geerntet. In nördlicheren Gebieten konnte man in den günstigsten Lagen durch das anhaltende trockene und sonnenreiche Wetter, einigermaßen Wind mit kühle Nächte förmlich nach Wunsch lesen und Trauben auf den Punkt zum Ausreifen hängen lassen. Negative Vorlese oder Auspflücken am Stock waren vielerorts kaum erforderlich, und während die Beeren reifer wurden, sanken nicht ihre Säurewerte. Unterm Strich zählt 2015 wohl als warmes Jahr, aber eben nur warm, nicht zu trocken, und von genügend kühlen Phasen unterbrochen. Und somit zählt es eben nicht wie 2003 oder 2005 als säurearmes Jahr. Die Säure hat in keinster Weise gelitten, die Reife litt nur bei den Winzern, die viel zu früh ernteten.

Wie schmeckt der Riesling Jahrgang 2015?

Das Ergebnis, das man auf der VDP-Weinbörse in Mainz Ende April verkosten konnte, spiegelt das Wetter sehr gut wider: Die Weine haben eine sehr präsente, teils sogar hoch stehende, aber meist sehr reife, weinige Säure, hohes Extrakt und durchaus auch mal etwas Restsüße, was mit der ausgeprägten Säure harmoniert, oder alternativ in einem Fähnchen Alkohol resultiert. Oft wurden die Beeren aber früh genug gelesen. Man findet kaum hohe Öchsle-Grade und häufig eine frische Ader in den Weinen, eine animierende Saftigkeit und eine saubere Frucht. Mit anderen Worten, 2015 ist ein sehr gutes, vielleicht sogar ausgezeichnetes Jahr, und das fast ohne Stress. Wenn man in die Gesichter der Winzer schaute auf der Weinbörse, schien es so, als könnten sie ihr Glück noch immer nicht fassen und würden noch immer den Haken daran suchen.

Den gibt es aber nicht. Was es gibt, sind strahlende Weine, und zwar sehr viele davon, in allen Anbaugebieten, in allen Prädikaten. Einigen Weinen aber kommt der Jahrgangsstil entgegen und diese haben dann richtig Größe. Vor allem ist der Riesling Jahrgang 2015 ein Kabinett-Jahrgang. Vergesst das tänzelnde Möselchen, hier kommen rassige, pikante, strahlende, knackige, leichte Weine, die allzu Leichtbesaitete mit einem säurereichen Griff auf die Matte legen. Das Dreamteam aus dieser Kategorie heißt für mich Geltz-Zilliken, van Othegraven, Schloss Lieser und Peter Lauer. Und natürlich der Kabinett aus dem Felseneck von Schäfer-Fröhlich, wo der wirklich schon etwas irre Säurezug aber mittlerweile jedes Jahr Programm ist. Unter den besten werden sicher noch andere Kabinette sein, von denen wir hoffentlich noch viele auf diesem Blog besprechen werden.

Im trockenen Bereich stehen aus meiner Sicht vielleicht Rheinhessen, Nahe und Saar am besten da, aber wirklich nur um eine Nasenlänge. Franken ist ebenfalls ganz oben dabei, zu fränkisch trocken kommen 2015 auch fränkisch salzig und fränkisch pikant. Auch im Rheingau und in der Pfalz ist die Säure bis auf bei wenigen Ausnahmen sehr präsent, hat aber weniger Schärfe, Baden und Württemberg kommen klassischerweise stärker über das Aroma als über die aber auch dort mehr als hinreichende Säure.

Das alles hier rufe ich nur auf mit einer Verkostung ausgewählter Weine von ausgewählten Weingütern. Ich beschreibe dabei nur, was für mich aussagekräftig war. Einige verschlossene oder ausdruckslose Weine, von denen es aber nicht viele gab, lasse ich weg.

Riesling Jahrgang 2015 – Die besten Weine

Für alle, denen dieser Text zu lang wird, in Folge die Weine des Tages, die mich besonders glücklich gemacht haben. Jeder dieser Weine ist nicht nur sehr gut, sondern bietet wirklich etwas Besonderes. Wer also die Gelegenheit hat, sie zu verkosten oder sich ein paar Flaschen zuzulegen, wird es ziemlich sicher nicht bereuen.

Gutsrieslinge

  1. Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan Auf der Mauer Riesling trocken
  2. Weingut Andreas Laible Riesling trocken
  3. Weingut Emrich-Schönleber »Lenz« Riesling trocken

Ortsrieslinge

  1. Weingut Wagner-Stempel Fürfeld Melaphyr Riesling trocken
  2. Weingut Emrich-Schönleber Monzingen »Frühtau« Riesling trocken
  3. Weingut Künstler Hochheimer Domdechaney Riesling Kabinett trocken

Lagenrieslinge

  1. Weingut Schäffer Escherndorf Lump Riesling trocken
  2. Joh. Bapt. Schäfer Burg Layen Schlossberg Riesling trocken
  3. Peter Lauer Ayler Kupp »Stirn« Riesling feinherb

Kabinette

  1. Forstmeister Geltz-Zilliken Saarburger Rausch Kabinett
  2. Weingut van Othegraven Herrenberger Kabinett
  3. Weingut Schäfer-Fröhlich Bockenau Felseneck Kabinett

Rheingau

Fritz Allendorf

Zuerst zog es mich zu Fritz Allendorf, weil ich die Weine noch nicht kannte. Die Rieslinge zeigten sich gar nicht so typisch pikant für den Jahrgang, sie sind stattdessen auffällig extraktreich, zeigen hinreichende Frische, neigen zu einem Quentchen Restsüße und haben aber vor allem eine sehr saubere, strahlende, gewinnende Frucht.

Schon der Riesling trocken legt ordentlich geschmackvolles Extrakt ins Glas, bietet klassische weiße Pfirsicharomen, ist nicht ganz trocken und damit ein ziemlich attraktiver, trinkanimierend und viel bietender Gutsriesling.

Spannungsvoller und mineralischer macht es der Riesling Kabinett trocken. Die Frucht dreht in Richtung saurer Apfel, wieder ordentliches Extrakt, dazu eine sehr reife und damit bekömmliche Säure. Der Riesling Kabinett zeigt Strahlkraft mit Aromen von Apfel, aber auch roten Johannisbeeren, eine saubere, sehr delikate Frucht mit einer guten Portion Restsüße.

Interessant ist der Rote Riesling trocken mit seiner ausgeprägteren Struktur. Rotbeeriger, gerbstoffiger, rotwangiger Apfel, präsentes Mundgefühl, schönes Frucht-Säurespiel, nachhaltig, wie ich es von rotem Riesling sonst nicht kenne. Ein interessanter Wein für alle, die viel Struktur mögen, vielleicht ein Weißwein für Rotweintrinker.

Was im oberen Bereich möglich ist, zeigt der Winkel Jesuitengarten Riesling Großes Gewächs  2014. In der Nase nussig in allen Variationen: Nussjoghurt, Nougat, dabei aber kühl und mineralisch. Im Antrunk geht das so weiter, wieder Nuss-Nougat-Creme, dazu eine schöne Apfelfrucht, gute Dichte, pikante Säure und ordentlich Spannung. Ein ungewöhnliches, früh zugängliches, geschmackiges Großes Gewächs, obendrein gut bezahlbar für 25 Euro.

Weingut von Oetinger

Aus purer Neugier landete Achim von Oetinger auf meiner Verkostungsliste. Was ich vorfand, waren sehr puristische, geradlinige Weine. Zuerst ein Müller-Thurgau trocken, der mir als Riesling eingeschenkt wird und mir tatsächlich außergewöhnlich nussig und gemüsig vorkommt, aber trotzdem einen guten Säurebiss und gute Straffheit hat. Das weitere Line-up ist kurz und straight. Achim von Oetinger macht keine Ortsweine, sondern nur drei sehr hochwertige Gutsweine, die alle drei ein eigenes Gesicht zeigen, Gesteinsweine eben.

Der Lösslehm Riesling trocken ist fruchtbetont auf weißer Kernfrucht, dazu frisch geschnittene Kräuter, trockener Stil, mittlere Säure, sehr rund. Der Mineral Riesling trocken wird seinem Namen treu, sehr kompakter Auftritt, nur ein Hauch von Zitrus, dafür aber viel Salz und Stein und gute Länge. Der Wein, den der Winzer, wie er sagt, eher weniger schätzt, gefällt mir am besten. Der Tradition Riesling trocken hat Schmelz, viel Würze und einen Touch vom Holz. Auch mit einem kleinen Zuckerle ist er vielschichtig und nachhaltig und damit sehr komplett. Der Winzer sagt, bei dem Wein würde er einen Kompromiss für die Weicheier machen. Finde ich gut!

Weingut Künstler

Gunter Künstler hat wieder mal ein besonderes Jahr in die Flasche bekommen, auch wenn das ja hier in den letzten Jahren schon normal ist. Die Weine sind aber nicht »nur« verdammt gut gemacht, der Jahrgang scheint Ihnen tatsächlich entgegenzukommen. Mit ein wenig Opulenz können sie sowieso umgehen, und die steht ihnen ja auch gut. Die pikante Säure puffert dieses Jahr aber besonders effektiv dagegen an.

Spannung zeigt daher schon der enorm gelungene Riesling trocken, für mich einer der besten Gutsweine an dem Tag. Viel Extrakt und Saft, ganz klassisch Steinfrucht, Steinwürze und das für Jahr und Wein typische Zuckerschwänzchen. Wer es gerne mineralisch mag, kann auf den Hochheimer Herrnberg Riesling trocken zurückgreifen. Limette, Salz, Steinmehl, Salz, Mineralität, Salz, dabei geradlinig und kühl und mit einem durchaus, ich habe es bereits gesagt, salzigen Spiel.

Ein Kontrastprogramm ist der Hochheimer Hölle Riesling Kabinett trocken. Feine Maracuja, weißer Nougat, alles beschwingt und kühl, hier jetzt wahrlich tänzelnd, hinten dann mit einem kräftigem Nachhall. Was für ein Weinwert und für mich einer der Best-Buys an diesem Tag. Da steckt geschmacklich ganz schön viel Hölle drin! Der Hochheimer Stielweg Riesling trocken zeigt sich leider verschlossen, nicht so der Hochheimer Domdechaney Riesling trocken. In der Nase eine feste Kernfrucht, im Antrunk dann aber ein ganzer Korb saftiger, reifer Früchte, man schmeckt jedes Milligramm Extrakt, dabei bleibt der Wein trocken. Das ist noch expressiver als die Hölle, zugleich eleganter, wenn auch etwas weniger abwechslungsreich.

Peter Jakob Kühn

Peter Jakob Kühn brachte ganz konsequent nur sechs Weine mit, allesamt aus 2015. Verkostet habe ich nur den Oestrich Riesling trocken »Quarzit« . Der Wein wurde in den letzten Jahren quasi abgestuft und fiel der Sortimentsbereinigung zum Opfer. Jetzt steht er auf einer Stufe mit dem Jacobus und dem Rheinschiefer. Da gehört er meiner Meinung nach nicht hin, für mich bleibt er der Zwei-Trauben-Wein. 2015 ist er sehr pikant ausgefallen, aber ausdrucksstark, Limette, Kiwi, weiße Kirschen, ein starker kühler Zug durchweht den Wein. Ich glaube im Vergleich zu früher eine schlankere Struktur zu bemerken, aber Eleganz und Komplexität bringt er noch immer mit.

Domäne Schloss Johannisberg

Die Fassproben von Schloss Johannisberg zu verkosten ist immer irgendwie gleich. Die Weine sind geschliffen, die Frucht sauber, ein Touch Restsüße, nur die Säure ist in diesem Jahr vielleicht etwas nerviger. Ansonsten Riesling aus dem überaus niveauvollen Musterkatalog. Gut gefiel mir vor allem der Rotlack Riesling Kabinett trocken. Er ragt immer etwas heraus in seiner nervigen, etwas kargen und salzigen Art. Ein Wein mit mineralischem Skelett. Dieses Jahr so gut wie in jedem anderen. Gespannt sein darf man auf das Große Gewächs, den Silberlack, dem die etwas nervigere Säure des Jahrgangs sehr gut stehen dürfte.

Franken

Weingut Egon Schäffer

Ich bedaure es sehr, aber aus Franken konnte ich neben vielen Silvanern, zu denen ich mir aber leider keine Notizen machen konnte, nur zwei Rieslinge verkosten. Bei Egon Schäffer war ich aber auf keinen Fall an der falschen Adresse dafür. Das Weingut bewirtschaftet gerade mal 3,5 Hektar und lässt die Weine ungemein lange auf der Hefe liegen – wenn es sein muss, anderthalb Jahre und mehr. Dabei reifen kompakte und komplexe Gewächse heran. Die Fassprobe des Escherndorf Lump Riesling trocken gräbt sich ganz tief in den Gaumen ein, eine superknackige, extrem nachhaltige Säure. Irrer Zug, kühl, mineralisch, rauchig, salzig und pikant bei wenig Alkohol. Der Wein soll bei 6 Gramm Restzucker stehen geblieben sein, ich schmecke davon nichts. Ist er zu stark, bist Du zu schwach. Beruhigen soll er sich aber noch, man verkaufe die Weine am liebsten eh erst dann, wenn man sie gut trinken kann, so der Winzer.

Einen Eindruck davon, was aus dem Wein werden kann, zeigt die Escherndorf Lump Riesling Spätlese trocken 2010. In der Nase mineralisches Karamell, Kalk, Mokka, im Antrunk dezente kandierte Fruchtnoten, erdige Mineralität, steiniger Stil, fränkisch trocken, erste Reifetöne, viel Struktur. Der Wein ist jetzt, aber sicher auch noch in fünf Jahren sehr schön zu trinken. Solche Weine brauchen Zeit.

Nahe

Weingut Emrich-Schönleber

Gibt es eigentlich noch Jahre, in denen die Nahe nicht zu den Gewinnern gehört? Warum das auch 2015 wieder so ist, zeigt schon der Gutswein von Emrich-Schönleber. Der »Lenz« Riesling trocken kommt ja eigentlich immer recht unkompliziert und gerne auch mal feinherb daher. Etwas Restsüße hat er auch in diesem Jahr. Diese wird aber mitgerissen von der pikanten, ungeheuer salzigen Mineralität. Sogar die deutliche Säure wird dadurch gepuffert. Welch ein Weinwert! Und man kann das jetzt schon mit all seiner Unruhe sehr gut trinken. Einer meiner Weine des Tages.

Der stets etwas ambitioniertere »Mineral« Riesling trocken bleibt seinem Stil treu. Kräuterige, würzige Limetten-Aromatik, am Gaumen dann doch noch abgerundet mit weißer Steinfrucht, recht feste Struktur, trockener Stil, auch hier ist der Abgang schön steinig, mineralisch und vor allem pikant. Bewährte Qualität.

Das Frühlingsplätzchen bringt jetzt auch einen Ortswein hervor, den Monzingen »Frühtau« Riesling trocken. Mit der Umbenennung markiert das Weingut nun auch beim Frühlingsplätzchen einen Kompromiss mit dem VDP, damit die eigentliche trockene Spätlesen aus der Lage nicht aufgegeben werden muss. Und der Weine hat seinen Platz im Sortiment, braucht nicht so lange, um sich zu öffnen, und bringt trotzdem die Lage auf den Punkt. In der Nase grüne Früchte, frisch geschnittene Kräuter, duftige Handcreme, ätherische Öle, im Mund arbeite ich mich Schicht für Schicht durch eine Limette hervor, zuerst herbe, mineralische Noten, etwas bitter, dann wird es immer saftiger, die Frucht strahlender, und die reife Säure übernimmt das Kommando. Das Extrakt ist hoch, der Abgang hat Länge und ist recht herb. Was ein dichtes Paket. Das kann sicher gut reifen.

Der Monzingen »Halgans« Riesling trocken aus dem Halenberg hingegen macht bereits komplett zu, ist abweisend, verschlossen, bietet kaum mehr als seine ungeheuer feste Struktur, das ist zur Zeit pures Steinelutschen. Zur Versöhnung landet dann aber der Monzingen Halenberg Riesling »R« 2012 im Glas, der erst 2015 in den Verkauf gekommen ist. Auch hier eine tiefe Grüne-Kräuter-Nase, Limetten, sehr feine, verspielte, vornehm dezente Duftigkeit, fein dosiert gewürzt mit Botrytis, zarte Blüten- und Honignoten, im Mund dann ein supersaftiger Auftritt, zupackende Mineralität, im Verlauf bauen sich Schicht für Schicht Aromen von weißen Früchten sowie Honig- und Karamellnoten auf, langer Abgang. Ein strahlender Wein. Den normalerweise feinherben Stil finde ich nicht wieder, der Wein bleibt sehr in der Spur. 93 Punkte im Glas. Dass dieser Wein so gut ist, ist ja auch schon längst kein Gerücht mehr.

Weingut Schäfer-Fröhlich

Auch dieses Jahr präsentiert Tim Schäfer-Fröhlich die wildesten und unruhigsten Weine, die in mein Weinbörsen-Glas finden. Als trockene Rieslinge gibt es nur zwei seiner Gesteinsweine, beide als Fassproben. Der Schlossböckelheim Riesling trocken »Vulkangestein« ist wie erwartet sehr fest, verschlossen und würzig, sonst aber abweisend. Der Bockenau Riesling trocken »Schiefergestein« hat hinter den Spontiaromen etwas mehr Ausdruck. Rauchig, eine pikante, ins Scharfe übergehende Mineralität, vor allem aber eine ganz breite salzige Schicht. Enorm gut, enorm unentwickelt.

Ebenfalls im Köcher hat Tim Schäfer-Fröhlich eine Fassprobe vom Bockenau Felseneck Riesling Kabinett, der seit ein paar Jahren irgendwie für eine Neuerfindung dieses Prädikats steht. Tänzeln tut hier wirklich nichts, der Wein ist enorm rassig und sehr ungestüm, mit nerviger Säure, so salzig wie ein Schluck Meerwasser fließt er über den Gaumen. Die Restsüße ist hier sensorisch nicht bleibend, sie puffert und vermittelt das Spektakel nur. Dieser Wein ist ein Erlebnis, nicht verschlossen, er fächert bereits Schicht für Schicht auf. Auch wer nicht auf Kabinett steht, sollte das hier probieren. Grandios.

Weingut Joh. Bapt. Schäfer

Ich habe lange nichts verkostet von diesem Weingut, fand die Weine noch vor fünf, sechs Jahren irgendwie zu brav. Eine Empfehlung von Andreas Durst machte mich jedoch neugierig. Auch wenn es nicht auf meinem Programm stand, schon die Scheurebe trocken überzeugte mich. Pfeffer, grüner Apfel, Grapefruit, im Antrunk mit einer Spur Schmelz, grüne Nussigkeit, nachhaltig, schöne Länge und nochmal Pfeffer. Vergesst die vielen Sauvignon-blanc-Nachahmungen mit ihrer Grasigkeit und tropischen Früchten, hier wird die Scheu auf den Punkt gebracht. Und das für nicht mal 10 Euro.

Der Ortswein Rümmelsheim Kieselstein Riesling trocken war der zweite Wein, der mich richtig überzeugte. In der Nase grüne Früchte und Würze, Waldmeisterpesto, frisch geschnittene Blätter, sehr kühler Stil, raffiniert, frischkräuterige Mineralität, der Wein schmeckt kühl vergoren, leicht reduktiv, die Säure hat leichte Pikanz. Ein interessanter Stil.

Der Dorsheim Riesling trocken ist etwas klassischer, fruchtbetonter, an Aromen Grapefruit, Steinfrucht, dazu etwas kraftvoller, charmant und elegant. Spannender dann wieder die Fassprobe des Burg Layer Schlossberg Riesling trocken. Wieder diese Grapefruit-Note, aber schön dezent, dann kommen florale Noten, auch frisches Heu, reife Säure, schönes elegantes Spiel, durch die sehr gewogene Säure schon zugänglich. Die Weine aus der Kollektion zeigen, wie charaktervoll Riesling sein kann, ohne laut und extrem zu sein und auf Nervigkeit, Pikanz und Druck zu setzen. Und trotzdem wirken die Weine nicht geschliffen. Sie bieten wirklich etwas Besonderes.

Rheinhessen

Weingut Battenfeld-Spanier

Die Guts- und Ortsweine von Hans Oliver Spanier dienen mir Jahr für Jahr als Gradmesser für den Jahrgang in Rheinhessen. Die Weine haben immer schon eine gewisse Ruhe in sich, was auch daran liegt, dass sie bereits recht früh auf die Flasche gefüllt sind. Sie zeigen stets ihren Charakter, haben eine saubere Frucht und überdecken nichts. Ihre Bestandteile sind förmlich herauszuschmecken. Und auch dieses Jahr hat das gut geklappt. Als Benchmark taugte der Riesling trocken, denn er hat schon alles, was man sich wünscht und was der tolle Jahrgang hergegeben hat, Saftigkeit, eine klare, nicht zu reife Frucht, Schmelz, etwas weißer Nougat, ordentlich Zug, viel Spiel. Vor allem aber hat er die jahrgangstypische pikante, reife Säure. Eine Punktlandung, genau in die Mitte, vielleicht mit leichter Tendenz in die säuredominierte Richtung. Für mich einer der besten Gutsweine an diesem Tag.

Weingut Wagner-Stempel

Danach schickte mich Martin Zwick zum Weingut Wagner-Stempel. Und ich musste mich nicht lange überzeugen lassen, denn die Weine gehören mich Jahr für Jahr zum Interessantesten aus Rheinhessen, weil man so aus ihnen vieles herausschmeckt — Lage, Jahrgang und Machart. Dies sind Weine, die sich auch durchaus mal unterscheiden können zum Vorjahr.

Zuerst zeigt der Siefersheim Porphyr Riesling trocken Purismus auf mit dezentem Duft von roten Beeren und Aprikosen unter einer beeindruckenden Saftigkeit, auch hier eine packende Pikanz, dazu ein kühl und fest wirkendes mineralisches Skelett, schöne Tiefe, auch wenn der Wein zur Zeit noch recht verschlossen ist. Aber der Porphyr muss reifen, das ist bekannt.

Ganz anders zeigt der Fürfeld Melaphyr Riesling trocken einen gleichsam unruhigen, aber trotzdem offeneren Charakter. Grüne Früchte, frisch geschnittene Kräuter, ganz feiner Duft von Handcreme, im Mund weiter die frischen grünfruchtigen, kräuterigen Aromen, kühler mineralischer Zug, und jetzt ganz stark ausgeprägt Pikanz und Salz. Beides zieht sich in den guten Abgang hinein und hinterlässt den Mund trocken und mit unwiderstehlicher Lust auf den nächsten Schluck. Das ist eine Paradewein für puristische Mineralität. Und ganz stark mein Fall. Einer der Weine des Tages.

Wie im letzten Jahr der Melaphyr, hat auch dieses Jahr ein neuer Ortswein Premiere bei Wagner-Stempel, und zwar der Neu-Bamberg Rotliegend Riesling trocken. Der Wein stammt aus einem Teil des Siefersheimer Heerkreetz. Auch dieser Wein hat ein eigenes Gesicht und und spielt eindeutig die fruchtbetonte Rolle im Sortiment, gelbes Obst, Aprikose, eine etwas erdigere Mineralität, etwas ausgewogenere Pikanz, eine Spur mehr Kraft. Auf dem jetzigen Stand ist er der »Pleaser« unter den drei Ortsweinen.

Pfalz

Weingut Bürklin-Wolf

Die Weine präsentierten sich sehr unruhig bis verschlossen. An Struktur und Sauberkeit aber gibt es nichts zu meckern. Wie der Jahrgang ausgefallen ist, zeigte für mich am ehesten die Fassprobe vom Wachenheim Riesling trocken. Durch all seine Unruhe eine vornehm leise, mineralisch kribbelnde und feinduftige Nase mit gelben und weißen Früchten, im Antrunk viel geschmackvolles Extrakt, dabei wässerige Textur, lebendige reife Säure, dieses Jahr nicht so druckvoll, sondern ausgesprochen fein, harmonisch und beweglich.

Interessant auch die Rückschau beim Ruppertsberg Hoheburg P. C. Riesling trocken 2013, der mit einer leckeren Kakaonote, mürben Äpfeln und einem leichten Bitterl schon überraschend weit gereift wirkt und jetzt getrunken werden sollte. Viel jugendlicher wirkt hingegen der deutlich ältere Deidesheim Kalkofen G. C. Riesling trocken 2007, der Dich in einen Korb mürber, saftiger gelber Früchte fallen lässt, saftiger Schmelz, von Frische durchzogen, und es klopfen die ersten Reifearomen an. Der Wein geht nun in seine schönste Phase über.

Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan

Die Deidesheimer Weingüter ragen mit ihren Guts- und Ortsweinen nicht ganz so heraus wie manche Weingüter aus anderen Gebieten. Spannung kommt erst bei den höheren Qualitäten in die Weine, was aber zumindest schon mal zuversichtlich für die Großen Gewächse macht. Der Deidesheim Riesling trocken von Bassermann-Jordan bietet eine recht reife und etwas weichere Säure, aber Duftigkeit von Steinfrucht, im Antrunk Saft und Druck, der Körper ist dafür relativ schlank, wenig Komplexität, ein sauberer Pfälzer mit Kraft. Der Forst Riesling trocken steht besser da, sorgt für Spannung am Gaumen und eine etwas gehaltvollere, ansatzweise pikante Säure.

Der Deidesheim Kieselberg Riesling trocken dreht im Vergleich dazu schon stärker auf. Aromatisch nicht allzu aufregend mit Apfel und Steinfrucht, dafür aber eine ausgezeichnete Struktur, sehr saftiger Stil, druckvoll, vibrierend am Gaumen, über die junge Säure und die druckvolle Mineralität viel Spannung am Gaumen, ein effektvoller Auftritt.

Sogar noch leicht darüber sehe ich den Forster Ungeheuer »Ziegler« Riesling trocken, der eine besondere, zentral gelegene Parzelle im Namen trägt. Aromatisch ist er deutlich ausdrucksstärker mit tropischen Früchten und einer besonderen Intensität, die ebenso spannungsvoll von Säure und mineralischen Noten flankiert wird. Einige Länge, schöner Verlauf, nachhaltig.

Noch einen Gang hoch schaltet der nächste Wein, der Auf der Mauer Riesling trocken, der zwar aus verschiedenen Deidesheimer Lagen (Hohenmorgen, Grainhübel und Kalkofen) cuveetiert wird, aber trotzdem als Gutswein deklariert wird. Schluss mit Frucht, jetzt wird es steinig. Ein ungewöhnlich intensiver, mineralischer und aromatisch wilder Wein. Spontinoten, dahinter Schalen von Pfirsich und Apfel, viel Säure und Würze. Dabei hat der Wein durchaus Kraft. »Naked Riesling« aus Deidesheim, dieser Wein zeigt, wie das geht. Das sollte man probieren. Großes-Gewächs-Niveau, nur eben ein konsequenterer, gewagterer Stil. Ist dieser Wein eine Richtungsbestimmung? Ich hätte nichts dagegen!

Abrunden konnte ich die Verkostung mit dem Chardonnay »S« trocken 2014 aus dem frisch getoasteten 500-Liter-Tonneau. In der Nase Blutorange, Kräuter, Nüsse, Butter, Safran, Vanille, welch ein Bukett, im Antrunk ist der Wein saftig, mineralisch, überhaupt nicht fett, dazu salzige Gerbstoffe. Das ist opulent, frisch und ungeheuer schmackhaft. Und eben überhaupt nicht zu kräftig. Warten muss man nicht, der Wein ist wunderbar trinkbar. Und ist für unter 20 Euro ein wahrer Weinwert bei einem nicht gerade als günstig bekannten Weingut.

Weingut Reichsrat von Buhl

Nur eine kleine Kollektion präsentiert von Buhl, die Weine liegen fast alle noch auf der Hefe. Als einziger Riesling aus dem aktuellen Jahrgang gibt es den Deidesheim Riesling trocken, der verschlossen, unruhig, reduktiv nach Stachelbeeren schmeckt. Die Säure ist überraschend weich, die Cremigkeit gefällt mir nicht ganz so gut. Der Wein scheint zur Zeit komplett durcheinander.

Von Null auf Hundert geht es aber dann mit dem Deidesheim Herrgottsacker Riesling trocken 2014. Vollständig im großen Holz gereift, was man ihm auch anschmeckt. Der Wein hat viel Schmelz und eine tiefe eingewobene frische Frucht und feste Säure, das wirkt recht burgundisch für einen Riesling. Eine komplexe Aromatik von Blutorange, Kräuter, Tabak. Sehr langer Abgang. Einer der schönsten Weine am heutigen Tag, wenn auch nicht aus 2015. Sollte man probieren!

Weingut Von Winning

An den letzten Wein schließt sehr gut der Deidesheim Herrgottsacker Riesling trocken vom Weingut von Winning an, dieser allerdings aus dem aktuellen Jahrgang 2015. Die Nase ist rauchig und hat deftige Aromen, viel erdige Mineralität, etwas Petrol, das Extrakt ist hoch, der Körper bleibt dabei aber angenehm schlank. Das ist jetzt äußerst unruhig und braucht ganz viel Luft, hat aber Potenzial!

Etwas zugänglicher ist der Deidesheim Maushöhle Riesling trocken. Eine würzige Steinfrucht, recht fruchtbetont, Melone, ordentlicher Schmelz, der mit der pikanten Säure ein schönes Spiel einnimmt. Saftige Struktur, krispe Säure, aromatisch und erfrischend. Nicht komplex, aber das macht sehr viel Spaß! Der Ruppertsberg Reiterpfad Riesling trocken kommt da nicht ganz mit, er hat eine opulentere Frucht, wirkt im Gesamten noch fruchtiger und weniger vielschichtig.

Der Forst U500 Riesling trocken 2012 ist zur Zeit noch aktuell im Sortiment, die späteren Jahrgänge reifen noch im Fass. Dieses Paradestück vom Barrique-Riesling beginnt sich ganz leicht zu öffnen. Immer noch viel Rauch, darunter Sahnebonbon, Feige, Aprikose, dahinter ein toller komplexer Nachhall, der dann aber doch noch in Röstnoten steckenbleibt. Wenn dieser Wein die Holznoten verarbeitet hat, wird er ganz sicher ein Erlebnis. Ähnlich wie beim Sauvignon blanc 500 2013, der zur Zeit viel Fumé bietet, umräucherte Fichtennadeln, Rauchfleisch, kalte Asche und ganz hinten noch etwas Steinfrucht und Ananas.

Baden

Weingut Andreas Laible

Zum Weingut Andreas Laible fällt mit vor allem eines ein — eine expressive Frucht. Die Rieslinge sind eine Offenbarung an Geschmackigkeit, aber auf hohem Niveau. Und auch hier kommt der Jahrgang 2015 den Weinen zugegen und gibt ihnen Filigranität und Frische. Bereits der Gutsriesling Riesling trocken ist schlicht ein kompletter Wein. Ungeheuer fruchtig mit gelbem und weißem Steinobst, Pfirsichen und Marille, saftige Säure, viel Extrakt, gutem Druck, wässeriger Textur und angenehmem Körper. Der Wein hat sogar einen schönen, salzigen Abgang. Für mich der beste Gutsriesling des Tages, vielleicht ist er dem Weingut sogar etwas zu gut geraten. Klarer Kauftipp!

Ortsweine gibt es nicht bei Andreas Laible, da die Weine alle aus einer Lage, dem Durbacher Plauelrain, stammen. Unterschieden wird dann nach Parzellen. Der Durbach Plauelrain »Steinrassel« Riesling trocken hat eine förmlich explodierende Frucht, jetzt mit mehr Zitrone, das ist noch expressiver, auch noch mehr Säure und Mineralität, aber so richtig weit vermag er sich nicht vom Gutsriesling abzusetzen. Der Durbach Plauelrain »Achat« Riesling trocken unterscheidet sich wiederum nicht groß vom Steinrassel, hat aber mehr Kraft und noch mehr Konzentration. Für mich ist das sogar schon etwas zuviel.

Weingut Seeger

Auch wenn ich beim Weingut Seeger vor allem über die Rotweine aus dem Jahrgang 2012 ins Meditieren kam, möchte ich einen Weißwein herausheben, der mich stark begeistert hat. Der Leimen Herrenberg Sauvignon blanc trocken »S« steckt voller Understatement. In der Nase ist er sauber und hat eine expressive Frucht mit Grapefruit und geschnittenen Kräutern, im Antrunk fächert er dann richtig auf und wird vielschichtig, hat eine mineralische Rauchnote, viel reife Säure, wirkt aromatisch spannend und wild, und sehr nachhaltig. Der ideale Sommerwein, sagen Thomas und Sanni Seeger. So kann man das sagen, wenn man einen nicht zu einfachen, sondern ausdrucksstarken und interessanten Wein im Sommer trinken möchte. Die Qualitäten zieht der Wein ganz sicher aus minimalen Erträgen. Von seinem Aromabild hätte ich ihn nie nach Deutschland gesteckt. Das ist verdammt gut!

Saar

Weingut Peter Lauer

Die Kollektion von Peter Lauer war ja bereits im letzten Jahr mit dem Jahrgang 2014 beeindruckend stark. Dieses Jahr haben die Weine das Niveau erneut fast erreicht. Die Säure scheint mir leicht weniger pikant, die Süße etwas ausgeprägter als im letzten Jahr. Irgendwie scheinen die Weine etwas mehr zu schmeicheln. Ich bin gespannt auf die Analysewerte und ob sie meinen Eindruck bestätigen. Unterm Strich aber erneut eine ausgezeichnete Kollektion.

Der Ayl Riesling trocken ist knackig jung, unruhig, Spontinoten, hefig, rote Beeren, Würzigkeit, viel Pikanz, dabei hat der Wein durchaus einige Süße, was ihm aber gut steht, mit der Säure ein schönes Spiel ergibt und nicht zu Lasten von Frische und Aroma geht.

Der Ayl »Senior« Riesling halbtrocken zeigt ein anderes Gesicht, seine viel reifere Säure ist runder, wirkt eher stahlig als pikant, dazu eine deutlich cremige Textur und wirklich halbtrockene Restsüße. Das ist ganz klassisch Saar, ich mag aber die fokussierteren, schlankeren Weine des, mit Verlaub, »Juniors« lieber.

Den Kupp »Unterstenberg« Riesling feinherb sehe ich genauso gut, wenn nicht sogar noch besser als im letzten Jahr, sehr saftig, schmelzig, schmeichlerisch, sich aber trotzdem wandelnd und mit wässeriger Textur, mittendrin eine mineralische Kante, an Aromen rotwangige Äpfel und rote Beeren, dabei ordentlich Schieferwürze, einige Süße. Das ist raffiniert und trinkanimierend.

Der Kupp »Stirn« Riesling feinherb kommt nicht so cremig, dafür weitaus fester über den Gaumen und bietet ein ganz intensives Süße-Säure-Spiel. Auf der eine Seite ist er knackig wie der Biss in einen saftigen grünen Apfel, dazu die Saftigkeit einer weißen Ananas, auf der anderen Seite dann die tragende Süße, Aromen von roten gesüßten Erdbeeren. Ungemein nachhaltig, feste Frucht, man merkt ihm seinen Stellenwert als bester feinherber Riesling im Line-up erneut deutlich an. Monumental.

Zum Schluss wird noch der bereits auf der Große-Gewächse-Präsentation in Wiesbaden hervorragende Saarfeilser Riesling trocken Großes Gewächs 2014 verkostet. Der Wein entwickelt sich hervorragend, die spontane, hefige Sour-Cream-Aromatik legt sich allmählich, an ihre Stelle treten Noten von Steinfruchtschalen und roten Beeren, dazu wilde kräuterige Noten. Der Wein ist fest und herb. Einfach lagern lassen und sich darauf freuen!

Last but not least … ein paar Kabinette

Ich habe es schon erwähnt, der Riesling Jahrgang 2015 bringt vortreffliche Anlagen für restsüße Weine mit. Die Reife der Trauben ging nicht zu Lasten der Säure. Somit gibt es Süßweine, die frisch, knackig bis nervig und deren Mineralität und feinen Aromen eben nicht von Süße überlagert sind. Die schönsten Kabinette — neben dem bereits erwähnten Felseneck von Tim Schäfer-Fröhlich — sollen hier noch Erwähnung finden. Leider hatte ich zu wenig Zeit, noch mehr davon und überhaupt auch die Spät- und Auslesen zu verkosten.

Weingut Schloss Lieser

Der einfache Schloss Lieser SL Riesling Kabinett ist ein Bilderbuch-Kabinett, fokussiert auf sein Spiel aus Süße und Säure. Er hat viel von beidem, dazu Kraft und Druck, ordentlich Extrakt. Auf schlankem Fuß kommt er nicht daher, ist aber schön verspielt und auch etwas pikant.

Deutlich mehr Charakter hat der Schloss Lieser Riesling Kabinett Brauneberger Juffer, in der Nase mit wilden Fruchtaromen und Schiefer, außerdem eine fast piekende Mineralität, im Antrunk dann eine kristalline Säure, ein spannungsgeladener Wein mit einer deutlichen, typischen Süßeschicht auf festem mineralischem Skelett. Was besonders gefällt, ist seine schieferiger Auftritt mit Aromen wilder Steinfrüchte. Ich mag die Kabinette von Schloss Lieser sehr, eine solche Qualität glaube ich aber noch nicht im Glas gehabt zu haben.

Weingut van Othegraven

Noch einen Gang höher schalteten für mich einige Kabinette von der Saar, vielleicht neben der Nahe das Gebiet mit der besten Jahrgangsqualität. Zwei Kollektionen weisen darauf hin. Ein Highlight in diesem Jahr sind die Kabinette vom Weingut van Othegraven. Andreas Barth hat sage und schreibe vier Kabinette abgefüllt, drei davon aus einzelnen Lagen – allesamt mit eigenem Stil und Gesicht. Während ich die Weine bisher zwar immer ausdrucksstark, aber eher zugänglich und geschliffen fand, definieren diese Kabinette den Stil für mich neu. Ich bin neugierig auf die trockenen Weine, von denen das Weingut auf der Weinbörse keine mit dabei hatte.

Der Kupp Riesling Kabinett zeigt zunächst den klassischen, sehr definierten, feinen Stil des Weinguts an, den man von hier kennt. Geschliffen, etwas Pikanz, sehr rund mit Aromen von Steinfrucht und roten Beeren.

Der Bockstein Riesling Kabinett dreht dann so richtig auf, mit einer zupackenden, pikanten, feinpulverigen Säure, ganz viel Zug, förmlich freigespülte, kühle Mineralität, dazu wässerige Textur, feiner Körper, rote Beeren, Schalen von Steinfrüchten, bis in den Abgang steinig, saftig und sogar etwas salzig. Ein beeindruckend konsequenter Wein! Und ein Fest für Puristen. Für manch anderen vielleicht etwas abweisend. Ein Ritt auf mineralischem Skelett.

Der Herrenberger Riesling Kabinett hat das gleiche Fundament, wirkt aber durch etwas mehr wahrnehmbare Süße gezeichneter, die Frucht bekommt dadurch aromatischere, aufregend wilde Anklänge. Der Wein ist aber ebenso mineralisch, pikant, saftig. Insgesamt bietet er mehr als der Bockstein, ohne seine Ernsthaftigkeit und Spannung zu verlieren, und er hat eine vortreffliche Balance!

Der Altenberg Riesling Kabinett baut noch mehr Frucht auf, die Säure wirkt etwas leiser, sorgt aber immer noch für einen guten, animierenden Zug. An die Stelle der Saftigkeit tritt jetzt ein ansatzweise opulenteres, dabei durchaus elegantes Süße-Säure-Spiel. Wohldefiniert, wenn auch etwas zahmer, aber ebenso mit mineralisch festem Kern. Ein Klassiker.

Nicht umher kam ich, dann doch noch von der Bockstein Riesling Spätlese zu kosten. Der Wein wirkt nicht ganz so unwirsch wie der Kabinett, ist aber voller Spannung. Aromen von kandiertem Pfirsich, wieder so wunderbar wässerig, und jetzt kommt dieser besondere Schmelz hinzu, der sich mit der pikanten Säure auf aufregende Weise vermählt. Da bleibt Dir die Luft weg, diese Bockstein-Rieslinge sind wirklich konsequent und verdammt gut geraten.

Weingut von Hövel

Der Saar Riesling Kabinett bietet eine schöne, aufregende, aufrauschende Säure, danach fällt er jedoch ab, aromatisch ist der Wein etwas schlicht, er hat nicht so viel Spiel und Beweglichkeit, ist eventuell aber auch noch durch die frische Abfüllung verschlossen. Ebenso der Hütte Riesling Kabinett mit ähnlicher Säurestruktur, wässeriger Textur und deutlicherer Mineralität, doch auch er ist aromatisch indifferent und nicht von Länge geprägt. Die Weine finden zur Zeit keinen guten Zeitpunkt.

Weingut Geltz-Zilliken

Kurz vor Toresschluss folgte noch einer der faszinierendsten Weine für mich. Der Geltz-Zilliken Saarburger Rausch Riesling Kabinett strömt zwar unruhig, aber ungeheuer mineralisch in die Nase, im Antrunk eine brausig aufrauschende Säure, pikante Mineralität, faszinierender Zug, eine irre packendes Spiel, das die Wangen unter Strom setzt, hocharomatisch mit Pomelo und roten Beeren, der Wein baut Zitrusfrische auf, die Süße ist wirklich nur nachgeordnet. Dieser Wein hat so viel Zug und Beweglichkeit und bleibt damit ganz schlank, nur 7,5 Prozent Alkohol. Reinste Kabinett-Magie.

Bei der Geltz-Zilliken Saarburger Rausch Riesling Spätlese geht das übrigens genauso weiter, die Säure rauscht ebenso auf, wirkt aber hier noch konzentrierter, fast kristallin, die Süße kommt stärker hervor, aromatisch ist der Wein noch sehr unruhig, die Anlagen sind aber faszinierend. Bei Geltz-Zilliken könnte sich hier ein großartiger Jahrgang anbahnen. Auch Hanno Zilliken ist sich da auf seine leise, zurückhaltende Art recht sicher. Man sollte die Weine unbedingt verfolgen.

Riesling Große Gewächse 2011 nach fast vier Jahren Flaschenreife – Wachau, Nahe und Pfalz

Riesling Große Gewächse 2011 nach fast vier Jahren Flaschenreife – Wachau, Nahe und Pfalz

Hier kommt der zweite Teil unserer Riesling-Verkostung des Jahrgangs 2011 – Teil 1 mit Großen Gewächsen aus Rheingau und Rheinhessen gibt es hier zu lesen →. Gut, diesmal trifft es der Titel nicht wirklich genau. Aber jeder wird zustimmend, dass die Smaragde aus der Wachau ebenfalls große Gewächse sind. Und wir wollten nicht auf diese Weine verzichten, gilt 2011 in der Wachau doch als für die dortigen Verhältnisse etwas schlankerer Jahrgang, der für einen Vergleich mit den etwas reiferen deutschen Weinen so gut taugt wie sonst eher selten.

Nachdem Rheingau und Rheinhessen wie erwartet ziemlich gut da standen, waren wir vor der zweiten Verkostung etwas skeptisch – vor allem bei der Pfalz, die den Schwerpunkt bildete. Aber eben die Pfalz wurde heute ein Lehrstück für uns. Zum einen zeigten die Weine, wie gut sie eben doch mit einem wärmeren Jahrgang umgehen können. Zum anderen wurde ganz offenbar, wie sich der dortige Trend zum Holz richtig gut auf die Weine auswirkt.

Dass von Winning beherzt zum Barrique greift, ist bekannt, wie sich das auf der Langstrecke auswirken wird, weiß heute noch niemand. Bisher scheint uns der Ansatz recht gelungen. Deutlich weniger Aufhebens macht Bassermann-Jordan um seinen neuen Weinstil. Ulrich Mell setzt für die Großen Gewächse seit einigen Jahren ebenfalls neues Holz ein, aber cuvetiert die im Barrique gereiften Weine anteilig mit Weinen aus dem Stahltank. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Und unversehens scheint auch Knipser mit Holz gearbeitet zu haben – der Stil ist aber ganz anders, eher französisch, sehr trocken und mit feinen herben Aromen. Interessant und mehr als gelungen waren die Weine aus dem Barrique durchweg.

Wie in dem Artikel zuvor haben wir uns erneut getraut, die Trinkfenster abzuschätzen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass die Jahresangaben nicht zu eng gesehen werden sollten. Es soll damit lediglich zum Ausdruck kommen, ob der Wein nach unserer Einschätzung schon recht bald oder erst in ferner Zukunft trinkreif werden könnte. Ebenso schätzen wir von der Struktur des Weins her ab, wie reifefähig er sein wird oder nicht. Hier können wir natürlich ordentlich daneben liegen. Als ganz grobe Orientierung sollten die Hinweise jedoch vielleicht taugen können.

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Weingut Veyder-Malberg Riesling Smaragd Viessling Bruck, 2011

Los ging es mit dem Leichtesten der Österreicher, dem zweitgrößten Riesling von Veyder-Malberg. In der Nase eine duftige Zitrone, grüner Apfel, kreidig-staubige Mineralität, ausdrucksstark, sehr sauber und fein, im Mund florale Noten, bissige Mineralität, eine hochstehende, aber nicht unangenehme Säure, knochentrocken, straff, trotzdem saftig, eine mineralische Peitsche mit viel Potenzial, fokussiert, aber aromatisch, das schlanke Ende der Wachau, und nur 12 Prozent Alkohol. Das Weingut steht eh für schlankere Weine. Kein Wunder, dass der 2011 derart brilliert. (92+ Punkte, 2021-2030)

Weingut Prager Riesling Smaragd Wachstum Bodenstein, 2011

In der Nase eine strahlende, üppige gelbfleischige Frucht, dazu eine gehörig feste Mineralität, die die Üppigkeit in Zaum hält, an weiteren Aromen Schokolade, Aprikosenkonfitüre, Blüten, ein Hauch Botrytis, im Antrunk dann sogar noch mehr Botrytis, aber nach typisch Wachauer Art nicht störend, dazu eine feste, drückende Säure, eine breite salzige Ader, tief, herbe Aromatik, Kräuterwürze, Röstigkeit, Kakao, ganz viel Potenzial, sehr lang, intensiver, salziger Abgang. Zeigt viel an, ist aber bereits etwas verschlossen. (94+ Punkte, 2024-2035)

Weingut Franz Hirtzberger Riesling Smaragd Singerriedel, 2011

Wunderschöne, frisch-verspielte, gelbfleischige, kräuterige Nase, feinste Marillenkonfitüre, anmutende Duftigkeit, Aloe Vera, leichte Rauchigkeit, etwas Botrytis, das ist so wunderbar herkunftstypisch, im Antrunk ordentlich Extrakt, die typische dunkle Mineralität, Kakaopulver, tiefe Aromatik, feine Säureader, nicht zu voller Körper, völlig transparente Struktur, lässt bis auf den Grund schauen, bei aller jugendlichen Spannung sehr harmonisch, nicht fett, wenn auch kraftvoll, doch super balanciert, schmelzig, ewig lang. Ein Großer seiner Riege. (96+ Punkte, 2024-2040)

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Weingut Emrich-Schönleber Riesling Großes Gewächs Monzingen Halenberg, 2011

In der Nase junge Fruchtaromen, Cassisbonbon, Kräuter, süßliche rote Beeren, aber auch frisches Gras und rosa Grapefruit, keinerlei Botrytis, im Mund dunkles Gesteinsmehl, klassischer Weinbergspfirsich, wieder Grapefruit, Mokkanote mit Salzschmiere, feinsaftige, dominante Säure, etwas Gerbstoff und ruppig am Gaumen. Aromatisch ansatzweise zugänglich, aber doch eine sehr feste Struktur, gute Länge mit viel Frische, Frucht und Steinmehl, zur Zeit noch zuviel dienende Restsüße, die sensorisch aber zurückgehen wird, der Wein scheint stark geschwefelt, ein Langstreckenläufer mit viel Potenzial. (94+ Punkte, 2022-2035)

Weingut Schäfer-Fröhlich Riesling Großes Gewächs Monzingen Halenberg, 2011

In der Nase die totale Spontinote, Gruyere, lila Campino, Steinmehl, ein mächtiger Stinker, auch im Mund Spontannoten ohne Noten, Käserinde, gelbe Grapefruit, dabei eine verrückte Struktur, Säure und Mineralität britzeln bis zum Schluss, viel Spannung, hinten Steinwürze und ganz viel Salz, der Wein vibriert bis in den Abgang hinein, dabei wirkt er angenehm leicht, wässerig, trocken, sehr tief, Spannung pur, hoch konzentrierte Mineralität. Dieser Wein ist tief abgetaucht und braucht noch viel Zeit. Hoffentlich wird er diese unbändige Mineralität behalten. (96+ Punkte, 2022-2035)

Weingut Emrich-Schönleber Riesling Großes Gewächs Monzingen Frühlingsplätzchen, 2011

In der Nase eine kräuterige Orange, etwas fruchtbetonter, auch mehr Üppigkeit als im Halenberg, im Antrunk dann sehr elegant, geschliffen, fein, duftig, eine förmlich sanfte Frucht vor einem schönen kräuterig-mineralischen Background, wirkt noch süßer als der Halenberg, das ist hier aber sehr harmonisch, tolles Frucht-Süße-Spiel, gutes Extrakt, kräuterwürzig, Trockenblumen, weißes Nougat, durch welches das mineralische Skelett trotzdem hindurchschimmert. Ein erfreulich vielschichtiges Frühlingsplätzchen mit ganz typischer Stilistik. Fast schon trinkreif. (92-94 Punkte, 2017-2026)

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Weingut Dönnhoff Riesling Großes Gewächs Norheim Dellchen, 2011

In der Nase ein ganzer Kräutergarten, Fenchelsamen, Waldmeister, dazu steinige Mineralität, im Antrunk steinig und straff, eine Säurepeitsche, sehr konzentrierte Mineralität, ziemlich trocken, hinten bleibt der Wein kraftvoll stehen, sehr viel Druck, auch etwas Restzucker, der hier wahrsten Sinne des Wortes dienend ist. Wundervoll rücksichtslos, Riesling brutal, ein kompromissloses Dellchen, wie man es nicht erwartet. Zitrusschalen im Mund, deftige, unruhige Aromatik. (93+ Punkte, 2020-2030)

Weingut Dönnhoff Riesling Großes Gewächs Niederhausen Hermannshöhle, 2011

In der Nase rote Beeren, viel Steinwürze, elegant, komplex, im Antrunk einige Restsüße, feine Struktur, feine mineralische, steinwürzige Ader, steiniger Schmelz, nasse Blätter, sehr elegant und präzise, nachhaltige Steinwürze, ganz Hermannshöhle, sehr typisch mit seiner pulverigen Mineralität und Salzigkeit, die Textur ist wunderschön wässerig, jung, unruhig, aufrauschend fast wie Brause, himbeerige Essenz im Abgang, lang. Fest strukturiert, aromatisch aber erstaunlich zugänglich. Großer Riesling. Jetzt schon. (95-96 Punkte, 2021-2033)

Weingut Schäfer-Fröhlich Riesling Großes Gewächs Bockenau Felseneck, 2011

Schon in der Nase völlig verschlossen, hinter der enormen Spontinote Cassisblätter, Aloe Vera, Zitrusbonbon, Kaktusblatt, im Antrunk enorm dicht, überraschend füllig anmutend, ungeheuer fest, monolithisch, dabei aber irgendwie zahm, ohne Kanten, zuerst wenig Spannung, aber ordentlich Kraft und leichte Süße, ein Mund voller Steinmehl, extrem fester Kern, die Säure nimmt bis ins Finish immer mehr Fahrt auf und der Wein nimmt doch noch an Spannung zu. Dieses Durcheinander kann sich noch einfinden. (93+ Punkte, 2022-2035)

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Philipp Kuhn Riesling Großes Gewächs Großkarlbacher Burgweg, 2011

Auffällig unfertige, sehr konzentrierte, noch künstliche wirkende Fruchtnase, reife Früchte, kandierter Apfel, Kartoffelschalen, Kalkstein, bereits verschlossen, auch im Mund wirkt der Wein geblockt, Glycerin, Salz, Mineralität, aromatisch indifferent, kräftiger Stil, viskose Textur, Cola-Aromatik, viel geschmackloses Extrakt, kann sich aber sicher entwickeln. Wenn er seine nicht ganz einfache Balance hält, hat der Wein Potenzial, andernfalls wird er ein Problem mit seiner Fülle bekommen. (89-90+ Punkte, 2019-2026)

Weingut Knipser Riesling Großes Gewächs Dirmstein Mandelpfad, 2011

In der Nase zuerst Rauch, etwas Speck, Würze, herbe Frucht, völlig untypisch, doch im Mund klärt sich das auf, eine rauchige Note, offenbar vom Holz, schön verschmolzen mit der gelben Frucht, gelbe Pflaume, herbe Quitte, Mandarine, schöner Verlauf, eine saftige, richtig reife Säure, hinten salzig, französischer Stil, das ist sehr charmant, hat auch Länge, wenn auch nicht sonderlich viel Komplexität. Und diesen Wein kann man bereits jetzt schon sehr gut trinken, mit der subtilen Holznote vor allem sehr gut zum Essen. (91-92+ Punkte, 2016-2025)

Weingut von Winning Riesling Großes Gewächs Deidesheim Langenmorgen, 2011

Die Nase ist ungemein würzig, Barbecue-Sauce, Sägespäne, Harz, das neue Holz ist noch dominant, im Antrunk ist der Wein sahnig, weiterhin sehr würzig, aromatisch ist das Holz verwoben mit der gelbfleischigen Frucht, salzige Noten vom neuen Holz, hinten heraus wird der Wein kantig und recht herb, durch die Röstigkeit wirkt er etwas blockiert und unruhig, aber trotzdem nachhaltig. Bei seiner Jugendlichkeit verübeln es ihm nicht. Doch wird er die Bitterkeit vom Holz ablegen? Wird sich die Frucht entwickeln? Das Toasting scheint recht stark. Nach drei Tagen wird der Wein etwas ruhiger, das Röstaroma bleibt bestehen, es entsteht aber ein schönes Herb-Süße-Spiel mit der weichen Säure. Etwas weniger Toasting würde diesem Wein trotz allem vielleicht besser stehen. Warten wir ab, was sich tun wird in den nächsten Jahren. (90-93+ Punkte, 2020-2035)

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Weingut Dr. Bürklin-Wolf Riesling G.C. Forst Ungeheuer, 2011

Jetzt passieren seltsame Dinge. In der Nase Leberwurst auf Schweiß, schwere süßliche Blüten, sehr barockes Bukett, Kartoffelschalen, im Mund dann kaum mehr als Zitronensaft mit Honig, die Zitrussäure steht hervor. Im Abgang dann Naphthalin. Ein Flaschenfehler? Hier stimmt auf jeden Fall etwas nicht. Das hat nichts mit Weinen zu tun, die wir von dem Weingut kennen. Eine Bewertung bleibt aus.

Weingut Mosbacher Riesling Großes Gewächs Forst Ungeheuer, 2011

Was für ein Charmeur in der Nase: Zitrus, Ananas, Kakao, etwas Rauch, eine supersaubere, tiefe Zitrusnase mit Anklängen von Kalk, das ist so typisch Haardt, im Antrunk setzt sich das fort mit Aromen von Zitrusbiskuit, wieder Ananas, dazu eine kleine Honignote, aber auch hier sauber, mit mineralischem Biss und schöner Länge, saftiger Stil, aromatisch strahlend, ein Zuckerschwänzchen, das hier genau so hingehört, tolle Balance. Ein Mosbacher, wie er im Buche steht. Es ist beeindruckend, wie jedes Jahr diese Qualität und eben genau dieser Stil auf die Flasche gebracht werden. Der Wein ist geöffnet und schon fast trinkreif. Er muss nur noch seine Festigkeit etwas ablegen. (92 Punkte, 2019-2026)

Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan Riesling Großes Gewächs Forst Jesuitengarten, 2011

Sehr feine, aromatisch tiefe Nase, etwas neues Holz, junge, unentwickelte, noch stark konzentrierte Frucht, Ananas, tropische Früchte, im Mund wird die Holznote etwas deutlicher, schöne Pikanz von Mineralität und Säure, das Holzmanagement ist fein abgestimmt, die Frucht wird vom Holz auf die nächste Stufe gehoben, an Aromen zeigt der Jesuitengarten seinen Charakter, Papaya, Maracuja, am Ende eine Spur Restsüße, der Wein wirkt wie mit der Frucht gewürzt, alles sitzt genau an seinem Platz. Wirkt nuanciert und komponiert. Wer eine dezente Holznote möchte, kann diesen Wein jetzt schon wunderbar trinken. (93-94 Punkte, 2016-2025)

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Weingut Dr. Bürklin-Wolf Riesling G.C. Forst Jesuitengarten, 2011

In der Nase reifer Apfel, dazu Kartoffelschale, Stärkearomatik, wieder diese Mottenkugeln, die schon im Ungeheuer waren, der Wein scheint dasselbe Problem zu haben, im Antrunk ist er aromatisch verschoben, wieder Honig, Naphthalin, Zitronensäure, wirkt jetzt schon vergreist, botrytisch, oxdativ. Keine Spur von der bekannten Stilistik des Weinguts oder der Lage. Wir sind ratlos und bewerten den Wein daher nicht. Die Flaschen stammen direkt vom Weingut und wurden kontrolliert gelagert. Wir wüssten allzu gerne, was hier geschehen ist.

Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan Riesling Großes Gewächs Forst Pechstein, 2011

Wieder diese fein gewürzte Holznase, jetzt etwas dezenter, auch rauchiger, unentwickelt und unruhig, aber fein, im Antrunk hat der Wein eine ungeheuer feine, wässerige Textur, dazu kommt die nicht resche, aber trotzdem pikante Säure, eine klare, zarte Frucht von saurem Apfel, begleitet von dunkler Erdwürze, herkunftstypisch, vorerst nur mittlere Länge, der Wein wartet förmlich auf seine Sekundäraromatik. Wieder auffällig ist dieser geschliffene Holzeinsatz, der nichts überdeckt oder verfälscht, sondern den Wein nur stützt und abrundet. Was Ulrich Mell mit dem Holzeinsatz geschafft hat, ist wirklich beachtenswert. (93+ Punkte, 2020-2030)

Weingut Mosbacher Riesling Großes Gewächs Forst Pechstein, 2011

Durchaus schöne, aber sehr kompakte, recht verschlossene Nase mit Apfelschalen, Haselnuss, auch Kreide und etwas Rauchigkeit, jugendlich, unentwickelt, im Mund dann supersauber und saftig, schöner Biss, eine packende, mit der Frucht verwobene Mineralität, der Wein zeigt Spannung, ist sehr geradlinig, fokussiert, wenig Kanten, im Verlauf wird der Wein dann etwas fülliger, das ist der Babyspeck, der ganz sicher noch abschmelzen wird, im letzten Drittel kommt dann die typische Nussigkeit des Pechsteins. Schöner Abgang, konsequent auf der Mineralität. (93+ Punkte, 2021-2030)

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Weingut von Winning Riesling Großes Gewächs Forst Pechstein, 2011

Schönes Holz in der Nase, nicht so stark röstig wie im Langenmorgen, dadurch mehr ein pfefferiges Aroma, im Mund nimmt die nussige, kräuterige Aromatik des Pechsteins die Röstigkeit richtig gut auf und puffert sie, auch Steinfrucht, hier passt alles gut zusammen, gute Balance, Schmelz, Extrakt, Mineralität und Haselnuss, die leichte Deftigkeit des Pechsteins trifft auf die Rauchigkeit und Süße des Holzes. Feine Säure, viel Mineralität, Basalt, ein sehr kompletter und spannender Wein. Lang. Groß. Ungeheuer raffiniert. Der Wein des Abends. Wer das Pechstein liebt und dem Holz nicht abgeneigt ist, kommt an diesem Wein nicht vorbei. Und sein mit Sicherheit langes Trinkfenster ist auch schon nah. (96-97 Punkte, 2017-2035)

Ökonomierat Rebholz Riesling Großes Gewächs Birkweiler Kastanienbusch, 2011

In der komplexen Nase zuerst Blutorange, Melisse, immer mehr Kräuter, Zitrus, Steinfrucht, vielschichtige Aromen auf engstem Raum, im Antrunk ungeheuer konzentriert, aber beweglich, fernab jeder Üppigkeit, viel aromatisches Extrakt ohne Alkohol, schöne Süße, wilde Noten, rote Beeren, reife Fruchtaromatik, ein asketischer Wein, ohne karg zu sein, sehr straight, sehr sauber, Kräuter, Melisse, Salz. Die Säure ist gar nicht so fordernd wie erwartet, sie führt die Frucht ganz eng. Ganz viel Charme, guter Zug, viel Spannung, schöne Cremigkeit. Die Straffheit tut ihm gut. Einer der abwechslungsreichsten, komplexesten und komplettesten Weine des Abends. Und jetzt schon harmonisch. (94+ Punkte, 2021-2030)

Weinhof Herrenberg Riesling Ockfener Bockstein, 2011

Zum Abschluss etwas völlig anderes. In der intensiven, dabei ungeschliffenen Nase Lacknoten, deutlich rote Beeren, konzentriert, eine junge hochreife Frucht von Cassis-Bonbons, dazu eine frische Ader mit Wasabi, ordentlich mineralische Schärfe, im Antrunk greift die unwirsche Säure beherzt in die Zunge, hat dabei aber eine schöne Struktur, ganz ausgeprägt Erdbeeren, wild und komplex, der Wein hinterlässt die Zunge staubig, ein endloser Zug, irre Spannung, welch ein Freakwein, sehr eigene Aromatik, enorm spannungsgeladen, fiebrige Spannung, muss sich unbedingt noch entwickeln. (90-92 Punkte, 2024-2035)

Zum ersten Teil mit Großen Gewächsen aus Rheingau und Rheinhessen geht es hier →

Barolo und Freunde – eine Probe mit gereiften Piemontesern

Barolo und Freunde – eine Probe mit gereiften Piemontesern

Eine Piemont-Reise vermochte es, unseren Weinblog-Freund Norbert neu für die Weine aus Barolo und Umgebung zu gewinnen und sich doch noch in den Nebbiolo zu verlieben. Die Weine ließen ihn nicht mehr los, und so lud er nach Oberhausen ein auf eine schöne Probe mit gereiftem Barolo, Barbaresco und Brunello. Das Essen wurde vortrefflich auf die Weine abgestimmt, mit einem fantastischen getrüffelten Carne Cruda und, nicht gerade piemontesisch, aber geschmacklich höchst verlockend, einem Dry-Aged-Nebraska-Rind direkt aus dem Beefer. Die Weine gingen zurück bis in die siebziger Jahre, so waren wunderbar mürbe Barolos zu erwarten. So richtig überraschen sollten uns aber an diesem Abend etwas anderes.

Christmann Riesling trocken Königsbacher Idig Großes Gewächs 2004

Den Anfang machte aber erstmal ein Riesling, der so gut war, dass er hier nicht unerwähnt bleiben soll. Der Idig aus dem Superjahr 2004 präsentiert sich üppig, konzentriert, aber nicht mit zu viel Körper. Reifenoten, kräuterig, etwas malzig, getrocknetes Steinobst, Schalen, kandiert, Kandis, saubere, getrocknete Frucht, steinige Mineralität, am Gaumen getrocknete Früchte, dicht und lang am Gaumen, sehr geschmackig, ganz reife Zitronencreme, schön wässerig. (91-93 Punkte)

Barolo-Reihe-1

E. Pira & Figli Barolo 1979

Sehr gereifte Nase, viel Unterboden, Mottenkugeln, dahinter rote Früchte, nicht stark störende Lacknoten, diese im Barolo charmanten welken Blüten, auch im Antrunk saubere rote Früchte und viel Erde, bereits stark gereift, die Säure überlagert die Frucht, der Körper ist im mittleren Bereich, der Wein bleibt in seiner verschlankten Spur, auch der Abgang hat bereits gelitten, schön aber ist die wässerige Textur bei guter Konzentration. Zwar nicht komplex, aber in Würde gereift, und gerade so noch lebendig. (82-85 Punkte)

Paolo Scovino Barolo 1982

In der Nase etwas Muff, auch oxidative Noten, wirkt gedeckt, ein Quentchen Rauch, die verbleibende rote Frucht wirkt konzentriert und etwas süßlich, schöne Reifenoten, im Antrunk dann aber deutlich weniger gereift, rote Kirschen, Kirschkerne, Teer, etwas Rosenaromen, schöne Würze ohne Erdigkeit, hat viel Ausdruck, entwickelt sich im Glas sehr gut, hat auch durchaus noch Power, insgesamt noch schön im hinteren Trinkfenster. Nase und Mund gehen aber bereits auseinander. (88 Punkte)

Paolo Scovino Barbera d’Alba 1985

Ein Duft von Lack, schwarzen Früchte, sehr reife Frucht, kompottige, rosinige, pflaumige Nase, auch Madeira, Veilchen, Lakritz, dazu Tabakblätter, welke Blumen, auxh etwas leicht Animalisches, trotzdem hat die Nase Ausdruck, im Antrunk dann rote Früchte, kühl anmutend, recht schlank, wieder oxidative Noten, dazu eine spitze Säure, das wirkt mit der flüchtigen Frucht und dem verschlankten bereits karg, man hat nur eine Ahnung der sicher mal dichten, ausdrucksstarken Frucht dieses Weins, das Tannin ist noch nicht zu welk, doch der Wein hat etwas Zehrendes und baut stark ab. (76-82 Punkte)

Barolo-Reihe-2

Verzio Vendemmia Barolo 1980

Schöne würzige Nase, Schokolade, reife schwarze Kirschfrucht, getrocknete Kräuter, Maggi, im Antrunk ist der Wein noch richtig gut in Form, rote Früchte, gereifte Tannine, sogar noch etwas Spannung, roter Tee, wässerige Textur, doch fehlt es leider an Ausdruck und Länge. Bei aller Feinheit und sauberer Frucht, Komplexität und Spiel bauen sich nicht mehr auf, auch wirkt er bereits etwas zehrend. (82-85 Punkte)

Michele Chiarlo Barolo Riserva Rocche di Castiglione 1983

Wieder eine würzige Nase, diesmal mit Tabakblättern, getrockneten, süßlichen Kräuter, auch Minze und ätherischen Noten, der Duft vermittelt Extrakt und Süße, was sich im Antrunk dann bestätigt, Extraktsüße, dazu würzige, welke Rosenblätter, getrocknete rote Früchte, duftiger, ernster, tiefer Auftritt, intensiv florales Aroma, Teer, Veilchentöne, rote Würze, der Wein hat Kraft, bleibt aber noch im Zaum, wässerige Textur. Wunderschön ist diese raffinierte rotwürzige, etwas wilde wirkende, teerige Note, schöne vollaromatische Länge, dazu eine grippige Säure und schöne abgeschmolzene Tannine. Wundervoll. (93 Punkte)

Renato Ratti Barolo Marcenasco Rocche 1983

In der Nase etwas schlanker, Kirschen, Kirschkerne, feine rote Würze und getrocknete Kräuter, leises, feines, dezentes, aber komplex wirkendes Bukett. Luft tut dem Wein gut, es fügen sich Leder, feine schwarze Schokolade, Tabakblätter hinzu, nichts überbordend, eleganter Auftritt. Im Antrunk wirkt der Wein noch duftiger, Frucht und Kräuter sind eng verwoben, dazu eine Tabaknote, eine ganz feine extraktsüße Spitze, präsente Säure, am schönsten aber ist der Verlauf, der seine ganze eigene Dramaturgie hat, sehr rund, nichts stört, alles ist genau an seinem Platz. Hinten bleibt eine schöne Veilchen-Rosennote stehen, und das ziemlich lange. Das kann großer Barolo. (95 Punkte)

Barolo-Reihe-3

Cisa Asinari dei Marchesi Di Gresy Barbaresco Camp Gros Martinenga 1985

Dunkle floral-würzige Nase, Algen, eingekochte reife Schwarzkirschen, die Frucht fächert in der Nase nicht so auf, etwas alkoholischer Duft, dunkle Röstnoten, Teer, im Antrunk dann eine sehr dichte, schwarze Frucht, Teer, Tee, Rosenblätter, Schwarzkirsche, Schokokaramell, große Intensität, einige Wucht, ordentlich kernige Tannine, etwas Speck, Graphit, ein Extraktmonster, hinten heraus verpackt er das nicht alles und es fehlt ihm etwas die Frische. Wirkt noch jung und unentwickelt. Zur Zeit ein hocharomatischer Blockbuster, vielleicht tut sich hier aber noch was. Wir vergeben ein Plus, sind aber dann doch überrascht, wie alt der Wein schon ist. (91-93 Punkte)

Cisa Asinari dei Marchesi Di Gresy Barbaresco Camp Gros Martinenga 1993

Eine schöne duftige rotfruchtige und kräuterige Nase, Mandeln, Kirschkerne, Graphit, intensiv und konzentriert, im Antrunk dann rote Früchte, Tabakblätter, richtig viel Extrakt, trotzdem bleibt der Wein trocken, noch adstringierende Tannine, ganz offensichtlich deutliich jünger, einige Kraft, bleibt aber ansatzweise elegant, der Abgang hat Länge mit kräuterigen, auch stengeligen Aromen. Schöner Wein, aber ohne Auffälligkeit. (88-92 Punkte)

Ceretto Bricco Rocche Barolo Brunate 1985

Rote Frucht, welke Rosen, Unterboden, feine Würze, eine gereifte, tiefe Nase, im Antrunk roter Tee, intensive Frucht, etwas Fleisch, welke Rosen, sehr ausgeprägt rotfruchtig, rote Würze, auch Muskatnuss, leichte würzige buttrige Note. Ein ganz klassischer Barolo, schön gereift und noch gut in Form. Er bleibt in der Spur, ein schöner Verlauf mit Reifetönen, eine Textur von rotem Tee, auch die Säure ist reif, aber noch vital, ein gereifter Barolo auf dem Punkt. (93 Punkte)

Tenuta Caparzo Brunello di Montalcino Vendemmia 1985

Gecrunchte Kräuter und viel Mineralität, Graphit, dazu ein sehr duftiger, rotfruchtiger Duft, dabei durchaus komplex und sich stetig wandelnd, im Antrunk trocken, sehr feine Tannine, die Frucht auch hier sehr duftig, auch rote florale Noten, Mandeln, ein relativ schlanker Körper, sehnige Struktur, mit guter Spannung, insgesamt duftig, frisch, leicht und elegant, ein feiner Abgang, ein feiner Wein. Mit seiner tänzelnden leichten Art etwas schwierig im Vergleich zum Barolo zu trinken. (93 Punkte)

Barolo-Reihe-4

Dosio La Mora Barolo Vigna Fossati 1982

Dezente, aber sehr feinduftige Nase mit Kirschen, feine Frische, frische florale Aromen, Kräuter, tief und mineralisch, im Antrunk eine starke, sehr grippige und nachhaltige Säure, dadurch umgemein frisch, junges Tannin, das ebenso wie die Säure noch nicht ganz so gut integriert wirkt, dadurch wirkt der Wein etwas zu karg, die Bestandteile stehen etwas nebeneinander. Ob es sich noch zusammenfügt? (87-88 Punkte)

Dosio La Mora Barolo Riserva Speciale 1971

In der Nase rote Würze, Maggi, ganz viel Frucht, Kirschen, Kirschkerne, im Antrunk ein guter nachhaltiger Säuregrip, sehr gut integriert und mit der Frucht zusammenwirkend, die Frucht fächert schön auf, ungemein aromatisch mit schöner Würze und Noten von rotem Tee, leichte Schokonoten, sehr harmonischer Abgang, einige Länge. Ein weiterer klassischer, feinsinniger, feinduftiger Barolo mit deutlicher Säure, in einem hervorragenden Trinkfenster. Wenn er weniger Brühwurfel hätte, wäre er ein richtig großer Wein. Beim Aufdecken geht ein Raunen durch den Raum. So viel Fitness nach über 40 Jahren! (91-94 Punkte)

Monprovato Mascarello Barolo 1997

In der Nase Weihnachtsgewürze, dazu Kräuter, Tabak und Trockenfrüchte, auch eine Nadelholznote, die Frucht ist bedeckt von den herben Noten, jemand sagt Mottenkugeln, alle nicken danach, auch im Antrunk gewürzige Noten, Spekulatius, süßliche Anmutung vom Extrakt, leider uncharmante grobe Tannine, am Ende bleibt auch eine Muffigkeit, was aber insbesondere nicht gefällt, ist das Glycerin, die Frucht wirkt überreif, eingekocht. (87 Punkte)

Barolo-Reihe-5

Aldo Conterno Barolo Soprana 1998

In der Nase duftige Himbeeren und Erdbeeren, auch etwas laktische Noten, dazu passend Holzwürze, Holzsüße, alle halten den Wein für viel jünger als er ist, im Antrunk eine ausdrucksstarke Frucht mit Himbeeren und Kirsche, ein richtig femininer Barolo, sehr fein und transparent, teeartige Textur, auch etwas salzig, seidig, glockenklare Frucht. Wir wünschen uns diesen Wein zur Wiedervorlage in sieben, acht Jahren. Sind uns nach dem Aufdecken aber dann doch nicht mehr so sicher. (90-91 Punkte)

Massolino Barolo Vigna Rionda 2001

In der eher dezenten Nase Kirschen, Zitruszesten, Herrenschokolade, sehr klarfruchtig, eine kleine Holznote, etwas Teer und Rose, im Antrunk straff am Gaumen, etwas Süße vom Extrakt, vielleicht auch leichte Restsüße, klar und geradliniger Stil, knackjung, muskulös, aber fein, Kirschkernigkeit, ordentlich Gerbstoffe, junges Tannin, hat tolles Potenzial, wirkt aber schon jetzt elegant und spannungsgeladen. Auch ein moderner Barolo kann also was! Es wäre schön, das nochmal gereift verkosten zu können. (91-92+ Punkte)

Silvio Grasso Barolo Bricco Luciani 2001

In der Nase Fenchel, getrockneter Speck, etwas reifere Frucht, im Antrunk dann etwas mehr Teer, Kirschen, die Frucht wirkt noch reifer, hat etwas Extraktsüße, Haselnuss, mehr Holz, Röstaromen, ganz hinten wird der Wein etwas bitter, ein ansatzweise gereifter Wein, der noch viel Zukunft hat. Die Tannine sind noch etwas rauh. Die Frucht sehr reif. Insgesamt aber ein schöner, generöser Wein mit reifem Stil. (87-91 Punkte)

Barolo-Reihe-6

Cigliuti Barbaresco Serraboella 1982

In der Nase säuerliche schwarze Kirschen, dazu Teer und Kräuter, im Antrunk dann mehr eine schwelgerische rote Frucht, Kirschen und Beeren, getragen von einer schönen Extraktsüße, etwas Kaffee, durchaus kräftig, auch wärmend, die Tannine sind schön abgeschmolzen, leider ist der Abgang hinten nicht ganz so lang und der verliert etwas den Fokus, trotzdem ein schöner, sehr geschmackiger Wein, der längst nicht so weit gereift wirkt, wie er ist. (91-92 Punkte)

Cigliuti Barbaresco Serraboella 1998

In der Nase ungemein konzentriert, ganz viel Graphit, Kirschkerne, eine leichte animalische Note, Pfeffer, Gewürze, vielfältig, vielschichtig, Abrieb von Zitrus, im Antrunk sehr konzentriert, aber genauso viel Frische, fleischig, deftig, wieder viel Mineralität, intensiv, aber ungeheuer filigran und tänzelnd, sensationell guter Holzeinsatz, eine starke, förmlich pulsierende Säureader. Unfassbar tief und ganz viel Ausdruck, und trotzdem noch jugendlich. Ein wahrhaft großer Gänsehaut-Wein, der alles auf den Punkt zum Ausdruck bringt. Und reifen muss. Das ist so graßartig! (96-98 Punkte)

Cigliuti Barbaresco Serraboella 2004

Und es geht sensationell weiter. In der dezenten, aber raffinierten Nase Kirschen, auch Waldbeeren, leichte Lacktöne, aber umso mehr mineralische Noten, Graphit, etwas Teer, im Antrunk eine tiefe rote und schwarze Frucht, leichte florale Noten, wieder diese Haselnüsse, etwas Laub, Kirschkerne, eine richtig straffe Säure, die Frucht explodiert am Gaumen, sehr dicht, klarfruchtig, hinten heraus werden die Tannine präsent, eine kleine Marzipannote. Sehr expressive Frucht, förmlich primärfruchtig, damit ein ganz großer Genuss, ein jugendlicher Wein, der jetzt schon auf höchstem Niveau zugänglich ist. (94 Punkte)

Barolo-Reihe-7

La Spinetta Barolo Vigneto Campe 2000

In der Nase neben der roten und schwarzen Frucht eine schöne rote Würzigkeit, auch Würze vom Holz, dazu leicht holzsüß, im Antrunk eine konzentrierte, glockenklare, recht tiefe, auch frisch wirkende Frucht, noch etwas durch das Holz gedeckt, leicht schokoladig und auch speckige Noten, die Tannine sind noch trocknend, auch Trockenfrüchte, getoastetes Holz, moderner Barolo-Stil, jetzt noch viel zu jung. Ganz viel Potenzial. (95+ Punkte)

Altesino Brunello di Montalcino Riserva 1990

In der sehr duftigen Nase Kirschen, Kirschkerne, primärfruchtig ohne Ende, im Antrunk von Extraktsüße getragene rote Früchte, eine tiefe frische Zitrus-Kräuterader, mineralische Noten, ausgewogen, etwas röstig, das Holz ist aber sehr gut eingebunden, keinerlei Reifenoten, ein frischer, intensiver, langer Abgang. Der Wein steht wie eine Eins und hat ganz sicher noch viel Zukunft, und das nach 25 Jahren! <i<(93 Punkte)

Giacomo Fenocchio Barolo Bussia 2010

Und zum Schluss wurden wir nochmal richtig wach! Eine allein limonadenhaft duftige Nase mit Himbeeren und Erdbeeren, mehr kommt da nicht, im Antrunk geht es so weiter, neben den Beeren eigenartig süß, rumtopfig, karamellig, honigartig, Milchschokolade, aber auch kohlig, der Wein geht aromatisch aus dem Leim. Das Tannin trocknet etwas, die Säure nimmt keine Form an. Der Abgang ist kurz, hinten bleibt die völlig von kompottiger Süße getragene Frucht stehen. Offenbar modern, sehr reife Frucht und irrsinnig jung. Trotzdem stellt mich der Wein vor Rätsel. Eine Bewertung lasse ich daher aus.