Zum 1000. Jubiläum: Zweimal Eleganz und ein tänzelndes Monster

Zum 1000. Jubiläum: Zweimal Eleganz und ein tänzelndes Monster

1000verkostung

Wie so oft im Leben, stand am Anfang ein kleiner Wein. Als wir im März des Jahres 2006 einen dünnen Chateau Belgrave aus dem Jahr 1997 schwer in Verriss nahmen, hätten wir recht verdutzt dreingeschaut, wenn uns jemand gesagt hätte, dass wir acht Jahre später die eintausendste Verkostungsnotiz freischalten würden. Umso schöner, dass es die Götter des Weins, des Korks und des Inernets so gut mit uns meinten. Über die Jahre sind wir recht ordentlich herumgekommen in der zauberhaften Welt der Weine und durften viele schöne kleinere Flaschen, aber auch altehrwürdige Herrschaften, wahrlich erleuchtende Kreszenzen und auch so manchen Aufschneider antreffen. Nicht jeder Gast in unserem Glas war noch lebendig und wir bekennen uns auch zu manchem Kindermord. Es war ein langer Weg bis hierhin. Wir haben keine Ahnung, wo wir heute herausgekommen sind. Aber wie wir hier hingekommen sind, können wir erfreulicherweise nachlesen, eben auf dieser gar nicht mehr so kleinen Blog-Website, die spätestens seit heute eigentlich ja mehr bietet als „nur ein paar Verkostungen“.

Die Verkostung Nummer 1000 wollten wir mit einem kleinen Ritual begehen, in vertrauter Runde und mit angemessener Bedachtheit. Mit drei Weintypen, die archetypisch für diesen Blog stehen und die wir für eine Reise auf die berühmte einsame Insel  einpacken würden. Und die wir noch nicht verkostet haben.

Bürklin-Wolf Riesling trocken Forster Ungeheuer, 1997

Mit einem 1997er begann dieser Blog, mit einem 1997er sollte die tausendste Verkostung beginnen. Aber auf weit höherem Niveau. Im Glas eine hell goldgelbe Farbe. Ein tiefes Bukett erwartet uns, überraschend jugendlich, geprägt von Ananas, Pfirsichfrucht und einer komplexen steinigen Mineralität. Ungemein klar, saftig und – auch im 17. Reifejahr – überraschend frisch wirkend. Kühler Stil, der Duft erinnert an blanken Stein. Im Antrunk eine feine Cremigkeit, hier erst spürt man, dass der Wein schon Reife hat, aber keine Firne. Der Wein steht bestens da – und schnell kann man sich auf die prägenden gelben Aromen konzentrieren, die in feinster, wohlbalancierter Extraktsüße erschlossen werden. Lecker. Der Wein bleibt auch hier klar und klassisch elegant. Er bietet einen fokussierten Verlauf mit einer vollen gelben Zitrusfrucht, insbesondere gelbe Grapefruit. Mittlere Dichte, uns fehlt es bei diesem Wein an nichts. Bleibt vom ersten bis zum letzten Tropfen klassisch elegant und herrlich trinkanimierend. Der Wein ist so filigran, er verdunstet schier im Glas. Neben der Frucht ist als zweites prägendes Moment eine helle, steinige Mineralität zu vernehmen. Bindeglied zwischen Frucht und Mineralität ist eine wunderbar frische Säure, die nie spitz wird. Sie zieht einen langen, stringenten Spannungsbogen. Lang ist dieses Ungeheuer auch im Nachhall, hier wieder eine komponierte Mixtur aus Grapefruit und blankem Stein. Dürfte in dieser Verfassung seinen 20. Geburtstag mühelos und vital erleben, eine knappe Stunde in der Karaffe tat diesem Exemplar gut.

Aus dem Fachhandel, 49 Euro, 93 Punkte (ausgezeichnet), jetzt bis 2017+

Meo-Camuzet Vosne-Romanée 1er Cru Aux Brûlée, 2000

Elegant hatte es begonnen. Elegant sollte es weitergehen. Nur eben rot: In der Nase ein herrlich aufgeblühtes Bukett mit einer reifen, klaren Beerenfrucht und Schwarzkirschen, dahinter Abrieb von Zitronen und Orangen, alles wird von einer Wolke von Düften getrockneter Kräuter und einer intensiven Röstigkeit vom Fassausbau umhüllt, insgesamt nahezu generös, ja verführerisch üppig, erste Reifeanklänge nach sauberen Waldboden im Hintergrund. Am Gaumen von dichtem Körper, mineralischer Antrunk mit herrlichem Spiel aus verspielter und reifer Säure und einer saftig-fleischigen Beerenfrucht, auch am Gaumen soeben vollkommen erblüht. Die Fassaromen sind noch recht deutlich zu schmecken, kunstvoll verwoben bringen sie viel Kräuterwürze und auch Speckaromen hinein. Ständig wechselt der Eindruck zwischen den fleischigen Fruchtaromen und einer salzigen Mineralität, mitten darin zeigen sich Zitrusfrüchte und Laub, deutliche Tiefe und Spannung, Dieser Wein ist trotzdem beileibe kein intellektueller Vertreter, sondern ein ungemein charmanter und verführerischer Burgunder mit breiten Hüften, der seinen Alkohol aber insgesamt gut im Griff hat. Sehr langes und druckvolles, würziges Finish. Der Wein hat seinen Höhepunkt nun erreicht, wird sich aber noch lange halten. Ein wahrer Grand Cru aus einer der besten Premier Cru-Lage im Burgund.

In einer Auktion erworben, 250 Euro, 93-94+ (ausgezeichnet), jetzt bis 2020

Chateau Canon La Gaffelière St. Emilion Grand Cru, 1999

Nun hieß es Schluss mit lustig, mit dieser leisen Eleganz und übertriebenem Feingefühl. Jetzt sollte Power ins Glas. Uns begegnet ein schweres fruchtbetontes Bukett mit schwarzen Früchten, vor allem Schwarzkirschen, sehr reife Frucht, dazu eine schöne dunkle Würze, beim tieferen Hineinriechen auch eine eigenartige Kerbelaromatik, die die Frucht noch reifer wirken lässt. Immer mehr Backpflaume, kandierte Kirschen, Schwarzbrot, auch Bitterschokolade, ebenso bleibt ein leichter Lackton stehen. Die Nase zeigt klar, hier geht es um Merlot. Die vielen reifen Töne kleistern die Nase aber nicht zu, der Wein hat ein gewisses wertvolles Extra, eine Frische, die aus den Tanninen, der leichten Kräuterigkeit und den mineralischen Anklängen hervorgeht. Man kann es so sagen, das hier macht richtig Spaß. Im Antrunk setzt sich das fort. Der erste Eindruck passt zur Frucht, er wird zuerst von einer äußerst leckeren, beerigen und leicht holzigen Süße bestimmt, gefolgt von einer, wenn auch weichen, aber trotzdem schön drückenden Säure und strammen Tanninen. Der Leckerfaktor ist hoch, von vorne bis in den Abgang. Der Wein hat aber auch die Struktur, die er braucht, um spannend zu sein. Weiter hinten wird es dann sogar noch richtig schön. Holz und Frucht finden zusammen und verschmelzen miteinander. Der Wein zieht sich nochmal etwas zusammen, die Tannine wirken dabei noch etwas grob, sorgen aber zusammen mit den ersten tertiären Tönen und Sauvage-Aromen für eine würzige Mokkanote. Weit hinten dann eine wunderbare, mineralische Salzigkeit, wodurch der Wein sogar an Komplexität gewinnt und der Abgang elegant wirkt. Der Wein ist jetzt schon ein großer Spaß, er ist wirklich enorm geschmackig und wird im Verlauf überraschend vielseitig. Die lauten Töne schwellen zunehmend ab und machen den leiseren Platz. Wie ein Orchester, das während des Konzerts entdeckt, dass es gar nicht so laut spielen muss. Oder wie ein Monster, das zu tänzeln beginnt. Ausgezeichnet, aber trotzdem kommt ein Plus hinter die Punkte. Hier und da wirken Säure, Tannine und Holz noch etwas grob. Also liegen lassen, das hier hat gute Anlagen, und wird noch besser.

Aus einer Auktion, 49,90 Euro, 92+ (ausgezeichnet), jetzt schon schön, besser aber erst ab 2019 aufziehen

Wir bedanken uns an dieser Stelle auch bei unseren treuen Lesern, die unsere Seite mit Kommentaren und Diskussionen stets bereichert haben! Wir heben unser Glas und sagen: „Auf die nächsten 1000 Notizen…!“