Rückblick auf den Sommer – Terrassenprobe in Bonn (Teil 1)

Rückblick auf den Sommer – Terrassenprobe in Bonn (Teil 1)

Terasse-Probe Titel 1 (100 von 1)

Mitte Juli 2013, azurblauer Himmel, 30 Grad im Schatten, der Grill glüht, der Planet brennt  – warme Terrassensteine, die auch noch bis spät in den Abend wohlige Wärme abgeben. Eingefleischte Wein-Nasen am Gartentisch. Alle mit einem Ziel unterwegs: schöne Weine im Glas haben und einen tollen Sommerabend verleben. Oder komprimierend zusammengefasst:  Terrassenprobe!

Alle Teilnehmer waren einmal wieder hochmotiviert und erwartungsvoll, was denn da so kommen möge. Es kam einiges auf den Tisch – insgesamt über zwei Dutzend Weine und wie gewohnt war alles dabei – Kork, Enttäuschungen, Überraschungen und bewegende Weine. Aber bleiben wir in der Abfolge, die Weine kamen fast überwiegend blind auf den Tisch…

Es ging los mit einer schon recht weit fortgeschrittenen 1995er Spätlese von Egon Müller, immer noch herrlich zu trinken, elegant balanciert mit gelber Frucht und tabackiges Finish, 92 GM-Punkte. Anschließend kam der erste Schäumer auf den Tisch. Der Blanc de Noir vom Wilhelmshof hatte für fast alle Teilnehmer üblen Kork und entsagte sich daher jeder Bewertung. Für Abhilfe sorgte der gelungene Champanger von Remy Massin. Der 2004er-Brut war fein, sehr fruchtig mit schmelziger Briochnote, animierende Perlage, deutlich spürbarer Dosage und daher als Apperativ-Champagner bestens geeignet 90-Punkte GM. Überhaupt nicht unser Fall der Riesling trocken 2001 vom Weingut Kirsten, wirkte etwas ausgezehrt, diese Flasche war schon lange über ihren Höhepunkt, 79 GM-Punkte, auch das Forster Ungeheuer von Eugen Müller, ebenfalls aus 2001, hinterließ keinen bleibenden Eindruck, die Nase zitronig-gemüsig, der Mundverlauf mit Zitruszesten und cremiger Fülle eher indifferenziert, 81 GM--Punkte.

Zeit für einen Absatz. Denn es wurde danach besser. Und zwar spürbar. Malz und Kräuter waren die aromatischen Leitmotive im 1988 Riesling Clos St. Hune von Trimbach, vorallem im Mund ein sehniger, feingliedriger Wein ohne vorstehende Fruchtaromen, dafür viel puristisches Malz, Tabak und Salz. Apfelwürzig salziges, dabei sehr langes Finale. Gewinnt mit Wärme, 93 GM-Punkte. Ein mineralisches Feuerwerk brannte der Weissenkirchener Achleiten 2002 von Prager ab. Schon die Nase eher rassig mit grünem Apfel und kräutriger Zitrusfrucht, wird der Wein im Mund kompromisslos basaltig-steinig. Hinzu kommt eine rassige Säure, die einfach für Trinkfreude sorgt . Feines Fruchtspiel, viel herber Stein. Balance pur. Toll, 93 GM-Punkte. Gelbfleischig die reifeton-freie Nase von Künstlers Kirchenstück Auslese trocken 2002, auch im Mund saftig weiche, gelbe Frucht, etwas füllig tropisch, aber im Verlauf immer mehr fokussierter und salziger werdend, umschmeichelt von heller Mineralität. Ein feines Säurespiel rundet diesen gelungenen Wein ab. 92 GM-Punkte.

Deutlich infantiler das Halenberg GG von Emrich Schönleber aus 2007 – mit ungewohnt rotbeerigen Anklängen in der tiefen Nase. Im Mund dann gewohnte Halenberg-Aromen, kraftvoll, unnahbar, harter Stein, Apfel. Heute einige Jahre vor seiner Zeit geöffnet, aber hier wächst ein Bolide heran. 92+ GM-Punkte.  Apropos Bolide, passendes Stichwort für FX Pichler, Grüner Veltliner „M“ aus 2001. Gelbfleischig pfeffrig in der Nase, leider auch vom Alkohol gezeichnet – im Mund dicht und füllig zugleich. Gelbe Früchte, merklich Melone. Wärmend, nicht völlig ausbalanciert. Jedenfalls kein Wein für den Hochsommer. 89 GM-Punkte. Wohlgelungen dagegen die Auslese „S“ vom Karthäuserhof aus 2005. Kieselsteiniges Aromenbild in der Nase, Mandarine und Zitrus. Im Mund ebenfalls mit Zitrusfrüchten und einer tänzelnden Säure. Erdig-würziges  Ruwer-Finish. Sehr schön zu trinken derzeit, 92 GM-Punkte.

Auch die Hermannshöhle aus dem Hause Dönnhof aus 2006 zeigte sich zugänglich, eine cremige und strahlend tiefe Nase nach Zitrus und Orangenschale. Im Mund wunderbar getragen von seinem Säurekern, bleibt der cremige Antrunk balanciert und gibt der Orangenblütenaromatik vollen Raum. Ein kraftvoller, dennoch feinsinniger Wein ohne Jahrgangsproblem, schönes langes Finish, 93 GM-Punkte.

Letzter trockener Riesling des Abends war der Mönchberg 1992 der Domaine Ostertag. Ein begeisternder Wein. In der Nase Butterscotch und Walnüsse, mit warmer gelber Frucht und einem leicht oxidativem Einschlag zeigt dieser Wein sofort seine Herkunft. Im Mund puristisch, hochmineralisch und schlank. Etwas Marzipan und Apfel geben aromatische Würze, wieder die aus der Nase schon bekannten Nussspuren. Langes, geschlossenes Finish. 93 GM-Punkte.

Soweit zu Teil 1 dieses schönen Abends – in Teil 2 des Berichts dann die Rot- und Süßweine.

Verkostungsnotizen: Guido Mueller