Sonntagabend im Siebengebirge

Sonntagabend im Siebengebirge

Ganz allmählich entwickelt sich eine Gewohnheit im kleinen Kreise: Sonntagabends ein paar gute Weine ohne besonderen Rahmen aufzuziehen, quasi als Kontrastprogramm zu den aufwendigen Weinverkostungen. In entspannter Atmosphäre mit leckerem Essen, Kaminfeuer und Gesprächen auch abseits der Weinwelt, wollen wir die Weine genießen und nicht verkosten. Also das, wofür diese Weine eigentlich gemacht wurden. Von einem solchen Abend will ich heute berichten, aber keine Sorge, nur von den Weinen, nicht vom Abseits …

Schloss Lieser Riesling trocken QbA, 2008
Feine Nase, sehr stahlig und klar. Fein gezeichnete Mineralik, die sich auch im Mund bis zum Abgang konsequent durchzieht. Kabinett-Qualität im besten Sinne. Etwas schlichte, aber glockenklare Steinfrucht-Aromatik, verhalten, aber mit Stil. Mittlerer Abgang, endet gut auf mineralischen Noten, noch etwas unruhig aufgrund seiner Jugendlichkeit. Der ideale Wein, um den Abend zu beginnen. Großer Anklang am Tisch.
Vom Weingut, 83 Punkte (gut), jetzt bis 2012


Meyer-Fonné Riesling Pfoeller, 2005
Ein ganzer Korb reifer, gelber Früchte; Aprikose, Pfirsich, mürber Apfel. Dahinter die typische jodige und kräuterige Mineralik von Meyer-Fonné. Noch sehr jung, nur ganz dezent zeigen sich Anklänge an Limetten-Blätter und leicht oxidativen Noten. Für fast alle eine grandiose Nase. Im Mund versöhnen wir uns alle wieder, derart saftig und einschmeichelnd ist der Antrunk trotz seiner Jugend. Wieder diese fast tropfende Saftigkeit nach reifen Aprikosen und Pfirsichen. Dahinter viel Bienenwachs und eine dunkle Mineralik gepaart mit getrockneten Küchenkräutern. Die Säure ist mir eine Spur zu verhalten, einfach weil ich die unheimliche Salzigkeit noch mehr am Gaumen spüren möchte. Der Abgang hat Länge und endet auf eben dieser Salzigkeit, gepaart mit einer druckvollen Frucht. Wirkt nach vielen Stunden in der Karaffe noch immer nicht ganz entwickelt. Großer, knackiger, fruchtiger Spaß im Glas für relativ wenig Geld.
Vom Fachhandel, 90+ Punkte (ausgezeichnet), 2011 bis 2014


Friedrich Becker Pinot Noir Deutscher Tafelwein, 2005
Kindermord, der aber notwendig war. Am Vortag gab es Beckers 2006er Sankt Paul als Pirat in einer Badener-Spätburgunder-Probe, und es reizte uns einfach, direkt danach sein Top-Gewächs im Glas zu haben. Deutlich erkennen wir seine Handschrift. Erneut diese grazile Kirschkonfit-Nase, nur eine Ecke konzentrierter und komplexer mit kreidiger Mineralik. Trotz seiner eleganten Präsenz wirkt er noch jugendlich scheu. Eine grandiose, feingezeichnete Holzwürze durchzeichnet den gesamten Duft. Einmalige Eleganz. Im Mund sehr jung, wirkt aber schon jetzt wie ein perfekt gestimmtes Klavier. Erneut diese zartwürzigen Holznoten, die ein grandioses Spiel mit der Mineralik eingehen. Die Tannine haben Rückgrat, aber sind schon heute fein und weich. Komplexe Fruchtaromen von Kirschkonfitüre, roter Johannisbeere und jungen Pflaumen, extrem nachhaltig. Unendlicher, komplexer Abgang. Die Frucht will überhaupt nicht mehr vom Gaumen weichen, aber ohne aufdringlich zu wirken; sehr elegant und transparent, daneben weiche, cremige, unheimlich animierende Mineralik, noch etwas steife Struktur; sie lässt jedoch nach jedem Schluck das Wasser im Munde zusammenlaufen und weckt das Verlagen nach dem Nächsten. Großes Kino. Die hohen Bewertungen können wir nachvollziehen.
Vom Weingut, 93++ Punkte (ausgezeichnet), 2015 bis 2020


Bruno Giacosa Barolo Falletto di Serralunga D´Alba, 1999
Der nächste Kindermord, trotz des Alters von 10 Jahren. Erneut ist Potenzialtrinken angesagt. Heftig viel Lösungsmittel, was mit der Zeit langsam abnimmt, freilich ohne gänzlich zu verschwinden. Dafür müssen wir noch weitere 10 Jahre warten, beruhige ich die Zweifler am Tisch. Typische Nase eines gelungen Barolos traditioneller Vinifizierung. Neben dem Klebstoff feines Kirschkonfit im dunklen Schokoladenmantel, ein Touch floraler Noten, etwas altwürzige Holznote nach gegerbtem Leder und die markante Säurestruktur zeichnen sich bereits in der Nase ab. Klar, wir haben etwas Gutes im Glas. Wirkt wie ein 2004e , manche haben Sorge wegen der Säure, die auch im Mund präsent ist. Nach meiner Erfahrung wird diese sich erst in etwa 10 Jahren erstaunlicherweise perfekt einbinden. Ebenso das Holz, heute noch etwas grob nach Tabakkiste und getrockneten Kräutern, die Tannine rauen den Gaumen noch ganz ordentlich auf und lassen daher den komplexen Fruchtaromen nur gelegentlich den Vortritt. Der Wein ringt noch mit seinen Bestandteilen. Manche geben ein ++. Soweit würde ich nicht gehen, obwohl 9199 sicherlich ein ausgezeichnetes Jahr mit großem Potential war. Nachhaltiger Abgang nach roten Früchten mit enormer Extraktsüße, ledrigen Holzaromen und noch etwas grobprorigen Tannine. Aber da reift vielleicht Großes heran.
Vom Fachhandel, 92+ Punkte (ausgezeichnet), 2014 bis 2020


Wagner-Stempel Riesling Restsüß Siefersheimer Höllberg Auslese, 2005
Die beiden 2005er GGs von Wagner-Stempel sind großartig. Sollten Sie irgendwo noch die eine oder andere Flasche im Handel finden, greifen Sie hemmungslos zu. Mir gänzlich unbekannt sind seine Süßweine, und um so gespannter war ich darauf. Die hohen Erwartungen waren dann doch zu groß. Die Nase präsent und durchaus eindrücklich mit gewisser Komplexität nach reifen gelben Früchten, saftiger Steinfrucht, kandierten Aprikosen, etwas Wachsnoten, Kräuter, deutliche Mineralik. Am Gaumen saftig, feine tropische Fruchtanklänge, Steinfrucht, hat Spiel und Präsenz, nicht ganz tief, schöne mineralische Anklänge, die jedoch im weiteren Verlauf abbrechen, wie der ganze Wein im Abgang erstaunlich kurz ist. Hmm, zu Beginn ausgezeichnet, aber dann passiert irgendwann nicht mehr viel. Vielleicht braucht er noch einige Jahre, keine Ahnung; Zweifel bleiben. Klagen auf gehobenem Niveau.
Vom Fachhandel, 86 Punkte (sehr gut), 2010 bis ?


J. J. Prüm Riesling Restsüß Wehlener Sonnenuhr Auslese, 2002
Einfach deutlich feiner, graziler und nachhaltiger die Auslese von Prüm. Ein andere Klasse.  Die Nase überzeugt dank der feinen, aber trotzdem fast druckvollen Schiefermineralik. Wirkt sehr filigran, fast zerbrechlich, jedoch von schöner Eleganz und Finesse. Ein Hauch Honignoten und weiße Blüten kommen uns in Sinn. Wirkt noch gänzlich unentwickelt, braucht noch drei Jahre. Im Mund setzt sich der Eindruck fort, wenngleich der Wein deutliche Einblicke in das vorhandene Potential gewährt: Fein saftiger Antrunk, reife, gelbfruchtige Noten, Honig und deutlich florale Stilistik, sehr fein und balanciert, nicht sonderlich süß, eher als Solist komponiert. Noch nicht ganz offen, sehr langer, eleganter Abgang mit floralen Noten, weichen mineralischen Anklängen und einer glockenklaren Steinfrucht, die noch lange am Gaumen verweilt. Nur 7% Alkohol! Ausgezeichnet, aber leider kein Schnäppchen.
Vom Fachhandel, 90-92+ Punkte (ausgezeichnet), 2012 bis 2022

Bis zum nächsten Mal…